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Ein Beinahe-Abenteuer

Balkan Stories: Wie ich nach Montenegro kam

(FOTO: Balkan Stories)

Montenegro wollte ich immer schon mal besuchen. Hin verschlagen hat es mich diesmal zwangshalber. Das wurde zum Abenteuer in Ansätzen.

„Busbahnsteig sechs“, sagt die Frau am einzigen offenen Schalter am Busbahnhof von Peja, einer Kleinstadt an der Grenze zu Montenegro. „Es ist der Bus nach Podgorica“.

Karten kann sie mir auch keine verkaufen. Ob ich noch einen Platz am Bus kriege, weiß sie auch nicht(.

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(FOTO: Balkan Stories)

An diesem Busbahnhof gibt es mehr Friseure als offene Schalter. Zwei bieten ihre Dienste an.

Das Cafe legt das im Kosovo geltende Rauchverbot im Inneren von Lokalen eigenwillig aus. Die Aschenbecher stehen auf den Tischen in der Busbahnhofshalle.

Den türkischen Kaffee brauche ich dringend. Der Assistent meines Hotelwirts in Prishtina hat verschlafen. Er konnte mir keinen mehr machen.

Die Stunde Wartezeit auf meinen Bus nach Rožaje werde ich für einen Kaffee nützen. Und mir beim Friseur den Bart stutzen lassen.

Dass ich überhaupt auf diesen Bus warte, ist eine überraschende Wendung.

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(FOTO: Balkan Stories)

Mein Taxifahrer von der JNA

Gestern Mittag, Prishtina.

Auf seinem linken Unterarm hat der Taxifahrer eine Tätowierung der JNA. In der Sommerhitze trägt er ein hellblaues Hemd mit kurzen Ärmeln. Das lässt den blauen Schriftzug sehen. Darunter ein Datum aus den 70-ern.

Unwillkürlich rede ich ihn in der Sprache ohne Namen an. In Prishtina halte ich mich sonst damit zurück.

Mein Taxifahrer strahlt. „Das war die schönste Zeit, in Jugoslawien“, sagt er mir. „Seitdem ist es immer nur schlechter geworden.“

Er freut sich offenbar, dass er jemanden hat, mit dem er in der Sprache ohne Namen reden kann. Englisch kann er schlecht. „Wir haben Russisch gelernt in der Schule“, meint der Weißhaarige mit Schnurrbart.

Im Radio hört er sich eine Live-Übertragung aus dem Parlament an. Gerade spricht der Sprecher der Fraktion der serbischen Minderheit.

Am Busbahnhof setzt er mich ab. „Wenn du willst, warte ich auf dich“, meint er. „Klar, das wäre super.“

Der Mann hat viel Vertrauen zu mir. Könnte ja sein, dass ich gleich in den nächsten Bus steige.

Andererseits wäre das am Busbahnhof von Prishtina eine schwierige Angelegenheit. Dort hat nur ein Schalter offen. Vor dem lungern sechs Männer herum.

Ich will eine Karte für den Vormittagsbus morgen nach Rožaje kaufen.

Das ist nicht freiwillig.

Warum ich nach Montenegro muss

Mein nächstes Ziel heißt Novi Pazar. Das wären keine zwei Busstunden von Prishtina entfernt, Grenze inklusive. Oder administrative Linie, wie die Serben sagen.

Das ist auch das Problem. Über diese Linie darf ich nicht.

Ich bin direkt von Wien nach Prishtina geflogen. In meinem Pass habe ich keinen serbischen Einreisestempel. Nur einen kosovarischen.

Ohne diesen Einreisestempel bin ich als Ausländer nach serbischer Auslegung illegal im Land. Die Serben haben den Kosovo nicht als unabhängig anerkannt.

Wenn ich illegal im Land bin, darf ich nicht über die in serbischer Lesart interne Grenze zwischen der nach serbischen Lesart Provinz Kosovo und dem nach serbischer Lesart Rest des Landes.

Als Ausländer muss ich zuerst legal nach Serbien einreisen. Das geht nur über einen Drittstaat.

Ich habe mich für Montenegro entschieden. Dort war ich noch nie. Ein Blick auf die Landkarte empfahl mir Rožaje.

Das ist eine Kleinstadt gleich hinter der montenegrinischen Grenze.

Von Rožaje ist es nicht weit bis Novi Pazar.

Den Vormittagsbus gibt’s nicht mehr

„Karten gibt’s hier keine“, sagt der Mann am Schalter. „Reservieren müssen Sie bei der Buslinie selbst. Dafür bin ich nicht zuständig.“

Ob er denn wisse, wann der nächste Bus nach Rožaje fahre, frag ich ihn. Die Fahrpläne sehen aus, als hätte sie Tito selbst mit der Schreibmaschine getippt.

Ob er zuständig sei, das zu wissen, frag ich ihn nicht.

Der Mann wirkt mürrisch genug. Vielleicht liegt’s daran, dass ich ihn aus der Unterhaltung mit seinen Freunden gerissen habe, die den einzigen offenen Schalter am Busbahnhof von Prishtina belagert haben.

„Um sieben Uhr abends.“

„Bitte?“

„Um sieben Uhr abends. Den Vormittagsbus haben sie gestrichen.“ In Rožaje wäre ich in dem Fall um zehn oder elf am Abend.

„Und wie komme ich während des Tags nach Rožaje?“

„Weiß ich nicht.“

Vermutlich ist er nicht zuständig. Ich frage mich, warum mir für jemanden, der am einzigen offenen Busbahnhofsschalter in Prishtina sitzt und weder Karten verkauft noch Plätze auf Bussen reserviert, keine rechte Berufsbezeichnung einfallen will.

Ein Abenteuer scheint zu beginnen

Mein Taxifahrer lehnt gegen seinen nicht mehr ganz neuen Mercedes und unterhält sich mit Kollegen. Er winkt freundlich, als er mich sieht.

„Wohin als nächstes?“

„Ins Hotel“, sag ich.

Ich erzähle ihm von meinem Problem.

„Ich kann dich fahren. Aber nur bis zur Grenze. Ich hab keine Versicherung für Montenegro, dorthin darf ich nicht mehr fahren.“

„Und wie komm ich von dort weiter?“

„Dort gibt’s immer Taxis. Da finden wir eine Lösung.“

Er sieht auf der Karte nach. „Das sind ungefähr 60 Kilometer. Das wird 60 Euro kosten.“

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