
Beograds Bürgermeister will das Museum schließen
Zum anderen werden die Widerstände gegen jegliche positive Erinnerung an den Staat immer lauter. In Kroatien und Serbien wird die Geschichte in Schulbüchern und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nach nationalistisch-revisionistischen Geschichtspunkten umgeschrieben – vor allem die Geschichte des Zweiten Weltkriegs in Jugoslawien.
Das gipfelte Ende des Vorjahres damit, dass der Četnik-Führer im Zweiten Weltkrieg, Draža Mihailović, in Beograd ein eigenes Museum erhielt.
Dem setzte im Wahlkampf für den Beograder Gemeinderat Bürgermeister Aleksandar Šapić von der klerikalnationalistischen Partei SNS von Serbiens Präsident Aleksandar Vučić eins drauf.
Er kündigte an, dass er die sterblichen Überreste Titos in dessen Geburtsort Kumrovec in Kroatien verlegen lassen will. Das Muzej Jugoslavije soll außerdem geschlossen werden. Seiner statt soll es ein Museum für serbische Geschichte geben.
Šapić kündigte vor der Wahl an, dass er sein „technisches Mandat“ nutzen werde, um diese Pläne durchzusetzen.
Für ein solches Mandat hat er keine verfassungsmäßige Zuständigkeit. Das Muzej Jugoslavije untersteht dem Kulturministerium Serbiens, nicht der Stadt Beograd.
Es ist nicht der erste einschlägige Vorschlag, der von einem prominenten Beograder Kommunalpolitiker der SNS kommt. Vor vier Jahren forderte der damalige Vizebürgermeister Goran Vesić, alle Straßen und Plätze in der serbischen Hauptstadt umzubenennen, deren Name an das ehemalige Jugoslawien erinnert.
Aus dem Plan wurde nichts.
Aus Vesić wurde der Infrastrukturminister Serbiens. Mit einem gelinde gesagt nicht immer glücklichen Händchen für historische Gedenkstätten.
Der Protest der normalen Leute
Nicht nur die Familie aus Derventa ist heute hier, um Titos möglicherweise zum letzten Mal an seinem Grab gedenken zu können.
„Vielleicht schaff ich es nie wieder, Tito zu sehen“, sagt ein Besucher mit serbischem Akzent. „Man weiß ja nicht, was diese Revisionisten machen. Deswegen bin ich heute hier.“
Wie viele Besucher lässt er sich vor einer der Kopien der berühmten Tito-Statue von
Antun Augustinčić fotografieren.
Er ist nicht der Einzige, der sich so äußert.
Diesen Besuchern geht es auch um viel mehr als den Gründer und langjährigen Staatschef des sozialistischen Jugoslawien.
Es geht ihnen um die Erinnerung an den untergegangenen Staat selbst.
Dieser habe seine positiven Seiten gehabt, erinnert sich ein Besucher. Etwa die soziale Absicherung und die Mitspracherechte am Arbeitsplatz.
„Meine Mutter hat in einer Bank gearbeitet“, erzählt er. „Den Filialleiter haben die Angestellten gewählt, und der konnte da nicht einfach schalten und walten, wie er wollte.“
In vielen Punkten mag die Nostalgie für das sozialistische Jugoslawien auch aus der Erfahrung des blutigen Zerfalls stammen und an dem wirtschaftlichen und politischen Chaos, das daraus entstand – und bis heute nicht überwunden ist.
„Es war keine Demokratie, wie ich sie später in Deutschland erlebt habe, aber es war auch viel Gutes hier. Du konntest in jedem Wald schlafen, und dir ist nichts passiert. Wo kannst du das heute noch – vor allem hier?“, erinnert sich Jasna.
„Ich hab in der Schule nicht gewusst, was ein Serbe ist, oder was ein Kroate oder ein Muslim. Das hat uns alles nicht interessiert. Heute geht es hier um fast nichts mehr Anderes“, ergänzt ihr Bruder.
Und es wirkt, als würden die Pläne des Beograder Bürgermeisters, Tito loszuwerden, diese Erinnerungen und die Sympathien für Tito erst recht befeuern und die Menschen in Scharen hierherkommen zu lassen.
Aleksandar Šapićs revisionistische Träumereien waren offenbar eine paradoxe Intervention. Wenn auch ungewollt.
Lesen Sie mehr auf der nächsten Seite!