Selenskyj warnt die Welt – und stellt dabei eine These auf, die kaum jemand so direkt ausgesprochen hat.
Das Interview fand am Wochenende in einem streng gesicherten Raum der ukrainischen Regierungszentrale in Kyjiw statt, wie die BBC berichtete. Selenskyj antwortete auf Ukrainisch; das britische Medienhaus veröffentlichte anschließend eine schriftliche Zusammenfassung mit Zitaten auf Englisch sowie einen kurzen Videoausschnitt des Gesprächs.
In dem BBC-Interview zeigte sich der ukrainische Präsident überzeugt, dass sein Land keineswegs am Rande einer militärischen Niederlage stehe. Gleichzeitig richtete er eine unmissverständliche Warnung an die internationale Gemeinschaft: Wladimir Putin habe den dritten Weltkrieg bereits eingeleitet. Als einzig wirksame Antwort darauf bezeichnete Selenskyj massiven militärischen und wirtschaftlichen Druck auf Russland.
»Die Frage ist, wie viel Territorium er noch erobern kann – und wie wir ihn aufhalten«, sagte das ukrainische Staatsoberhaupt. Russland versuche, der Welt eine andere Lebensweise aufzuzwingen und die frei gewählten Lebensrealitäten anderer Länder zu zerstören.
Skepsis gegenüber Putin
Selenskyj bekräftigte in dem Gespräch auch seine Skepsis gegenüber der Verhandlungsbereitschaft Putins. Territoriale Zugeständnisse würden den Kreml nicht zur Aufgabe bewegen; ein Waffenstillstand käme Moskau vielmehr zugute, indem er Zeit zur militärischen Regeneration verschaffe.
»Er benötigt eine Pause«, sagte Selenskyj mit Blick auf Putin. »Unsere europäischen Partner sagen, Russland könnte sich in drei bis fünf Jahren erholen. Ich glaube, es dauert höchstens ein paar Jahre. Und wohin er dann geht, wissen wir nicht. Aber dass er weitermachen will, ist eine Tatsache.«
Eine Abtretung ukrainischer Gebiete als Grundlage für ein Friedensabkommen schloss Selenskyj erneut kategorisch aus. »Für mich würde das Aufgeben bedeuten – eine Schwächung unserer Positionen, mit der wir Hunderttausende unserer Mitmenschen im Stich lassen würden, die dort leben.« Darüber hinaus sei er überzeugt, dass solche Zugeständnisse die ukrainische Gesellschaft tief spalten würden.
Institutionen statt Präsidenten
Auf die Frage, ob er Donald Trump und dessen Versprechen zu Sicherheitsgarantien vertraue, verwies Selenskyj auf die institutionelle Rolle des US-Kongresses. Die Verlässlichkeit solcher Garantien hänge nicht allein vom Willen des Präsidenten ab. »Aus guten Gründen wird der Kongress über sie abstimmen«, sagte er.
Nicht nur das Weiße Haus, auch das Parlament sei in diesem Prozess unverzichtbar, betonte er laut der Übersetzung aus dem Ukrainischen. »Denn Präsidenten kommen und gehen, aber Institutionen bleiben.« Er fügte hinzu: »Wir alle sind für eine angemessene Zeit Präsidenten. Wir (als Ukrainer) wollen beispielsweise Garantien für 30 Jahre. Die politischen Eliten werden künftig andere sein, die Anführer werden andere sein.«
Trumps zweite und damit gemäß der US-Verfassung letzte Amtszeit endet in knapp drei Jahren. Offen ließ Selenskyj die Frage, ob er bei etwaigen Neuwahlen erneut für das Präsidentenamt kandidieren würde. Vor einer solchen Abstimmung brauche es in jedem Fall verlässliche Sicherheitsgarantien, um eine Einflussnahme von außen zu verhindern und die Ukraine dauerhaft vor russischen Annexionsgelüsten zu schützen.
Langfristig halte er an der vollständigen Rückeroberung aller besetzten Gebiete und einer Rückkehr zu den im Unabhängigkeitsjahr 1991 festgelegten Grenzen fest, so Selenskyj weiter. Dies sei jedoch eine Frage der Zeit und gegenwärtig nicht realisierbar. Die russische Armee sei zu schlagkräftig, und der menschliche Preis eines solchen Vorhabens wäre zu hoch – Selenskyj sprach von Millionen Todesopfern, die dabei zu befürchten wären. Zudem fehle der Ukraine derzeit die nötige Waffenkapazität für entscheidende Erfolge auf dem Schlachtfeld.
⇢ Selenskyj setzt auf den Zeitfaktor: „Ich bin jünger als Putin – das ist wichtig
Zudem fehle der Ukraine derzeit die nötige Waffenkapazität für entscheidende Erfolge auf dem Schlachtfeld.