Ein Machtwechsel in Budapest erschüttert ein Milliardenprojekt in Bosnien – und stellt eine ganze Rohstoffstrategie infrage.
Anfang 2026 stand Bosnien und Herzegowina vor einer wirtschaftspolitischen Weichenstellung von erheblicher Tragweite: der Entscheidung über den Start der Lithiumförderung auf der Majevica, im Gebiet von Lopare. Monatelang wurde das Vorhaben als historische Entwicklungschance für die Republika Srpska angepriesen – eine Investition im Milliardenbereich, die die Entität auf der europäischen Karte strategischer Rohstoffe fest verankern sollte.
Viktor Orbán hat die Parlamentswahl verloren. Bei der ungarischen Parlamentswahl am 12. April 2026 errang Péter Magyar und seine Tisza-Partei einen klaren Wahlsieg. Magyar, Orbáns Nachfolger als Ministerpräsident, steht für ein grundlegend anderes politisches Profil – und für ein grundlegend anderes Verhältnis zu den Behörden der Republika Srpska. Damit ist eine der zentralen politischen und finanziellen Stützen des Lithiumprojekts auf der Majevica weggebrochen, wie das Wirtschaftsportal Biznisinfo berichtet.
Majevicas Lithiumvorkommen
Beim Projekt geht es um die Förderung von Lithium und weiteren strategischen Mineralien im Majevica-Gebirge, wo Erkundungsbohrungen auf außergewöhnlich ergiebige Vorkommen gestoßen sind. Allein die Lagerstätte Lopare soll rund 1,5 Millionen Tonnen Lithiumkarbonat-Äquivalent enthalten, dazu etwa 14 Millionen Tonnen Borsäure sowie Dutzende Millionen Tonnen anderer Mineralien. Lithium gilt heute als Schlüsselrohstoff der Energiewende – unverzichtbar für Batterien von Elektrofahrzeugen und damit für die industrielle Transformation des Kontinents.
Formell liegt die Trägerschaft bei der Schweizer Firma Arcore AG, die die Explorations- und Konzessionsanträge eingereicht hat. Doch Ungarn war von Beginn an weit mehr als ein stiller Beobachter: Die Orbán-Regierung stützte das Projekt politisch, ungarische Staatsfonds und Finanzinstitutionen waren als Geldgeber eingeplant. Der Rohstoff aus Lopare sollte zur Weiterverarbeitung nach Deutschland transportiert werden, wo das Unternehmen Rock Tech Lithium Kapazitäten zur Herstellung von Lithiumhydroxid für die europäische Automobilindustrie aufbaut.
Das Jahr 2026 war von Anfang an als Schlüsseljahr für das Projekt angelegt. Erwartet wurden die endgültige Konzessionsvergabe, der Beginn großer Investitionsströme sowie der Zufluss von Hunderten Millionen Euro. Parallel dazu passten die Behörden der Republika Srpska in den vergangenen Monaten den Rechtsrahmen an – wichtige Entscheidungen über geologische Untersuchungen und Abbaugenehmigungen wurden auf die Entitätsebene verlagert, der Einfluss lokaler Gemeinschaften dadurch spürbar beschnitten.
Politischer Kurswechsel
Nun aber verschiebt sich das geopolitische Koordinatensystem abrupt. Orbán war einer der engsten europäischen Verbündeten der RS-Führung und trieb mit Nachdruck die Strategie voran, Ungarn zu einem europäischen Zentrum der Batterieproduktion zu machen. Magyars neue Regierung tritt mit völlig anderen Prioritäten an – der neue Ministerpräsident versteht sich als proeuropäischer Reformer, der Ungarn von Orbáns politischem Erbe und zahlreichen umstrittenen regionalen Allianzen lösen will.
Damit drängen sich unweigerlich Fragen auf: Wird Budapest das Projekt weiterhin politisch und finanziell tragen? Werden die geplanten Investitionen aufrechterhalten? Denn die ungarische Rückendeckung war nicht allein eine Frage des Geldes – sie war auch politischer Schutzschild für das gesamte Arrangement.
Hinzu kommt, dass das Projekt von Beginn an mit erheblichem ökologischen Widerstand konfrontiert war. Bürgerinnen und Bürger aus Lopare sowie Umweltorganisationen warnten wiederholt vor den möglichen Folgen eines großflächigen Lithiumabbaus: Kontamination des Grundwassers, der Einsatz aggressiver Chemikalien bei der Aufbereitung, langfristige Schäden am Naturraum der Majevica.
Als mahnendes Beispiel wird dabei regelmäßig Serbien angeführt, wo das Rio-Tinto-Projekt im Jadar-Tal nach massiven Protesten gestoppt wurde.