Raketen, Marschflugkörper, Drohnen und ein Einschlag auf NATO-Gebiet: Eine Nacht, die Europa aufhorchen lässt.
Russland hat die Ukraine in der Nacht mit einem der schwersten Luftangriffe seit Wochen überzogen. Dutzende Raketen und Marschflugkörper sowie Hunderte Drohnen trafen Ziele bis weit in den Westen des Landes. Ukrainische Medien berichteten am Morgen von mindestens acht Toten und mehr als einem Dutzend Verletzten.
Schwere Einschläge
Besonders schwer getroffen wurde die westukrainische Stadt Krywyj Rih. Dort schlug nach einem Bericht des „Kyiv Independent“ eine Rakete in das Wohnhaus einer Großfamilie ein. Sechs Menschen kamen ums Leben, darunter zwei Kinder im Alter von fünf und zwölf Jahren, acht weitere wurden verletzt.
Im westukrainischen Lwiw, nahe der polnischen Grenze, meldeten die örtlichen Behörden 15 Verletzte. Aus Berichten ging hervor, dass Menschen unter Trümmern eingestürzter Gebäude verschüttet worden waren. Aus der Hauptstadt Kiew und dem Gebiet Poltawa wurden zwei weitere Todesopfer gemeldet.
In der Nacht wurde zudem im polnischen Luftraum ein unbekanntes Objekt geortet, das sich in Richtung Westen bewegte. Das operative Kommando der polnischen Streitkräfte teilte auf X mit, die mutmaßliche Absturzstelle sei in der Nähe des Dorfes Tarnawa-Kolonia in der Woiwodschaft Lublin lokalisiert worden – rund 95 Kilometer hinter der ukrainischen Grenze. Bewohner umliegender Ortschaften berichteten gegenüber dem Portal „Lublin112″ von einer heftigen Detonation.
Russia attacked Poland 🇵🇱 with cruise missiles for the first time in the war
A Russian X-101 cruise missile reportedly struck near the Polish village of Otrocz ~100km from Ukraine 🇺🇦 and sirens 🚨 rang across Lublin and parts of Eastern Poland
If confirmed, Russia attacked NATO pic.twitter.com/kcIRe9q4Cz
— Ukraine Battle Map (@ukraine_map) July 30, 2026
Einsatzkräfte, die zum Fundort entsandt wurden, stießen auf einen Krater sowie verstreute Trümmerteile eines nicht identifizierten Objekts. Die Einsatzstelle wurde gesichert. Videos, die die Einschlagsstelle zeigen sollen, kursierten in sozialen Netzwerken, verbreitet unter anderem vom belarussischen Exilmedium „Nexta“.
Die polnische Armee ging nach dem Vorfall zunächst davon aus, dass das unbekannte Flugobjekt vermutlich eine russische Rakete war und sich etwa drei Minuten über polnischem Gebiet befand. Die NATO sah nach dem Vorfall keine Hinweise auf einen gezielten russischen Angriff auf einen Verbündeten.
Das russische Verteidigungsministerium bestätigte in Moskau, in der Nacht Ziele in der gesamten Ukraine angegriffen zu haben. Auf Telegram nannte das Ministerium unter anderem Kiew, Lwiw und Dnipropetrowsk als Ziele. In zwei Wohnblöcken in Lwiw seien nach Raketentreffern Brände ausgebrochen, in Kiew seien mehrere Gebäude beschädigt worden.
Selenskyjs Appell
Überraschend kam der Angriff nicht. Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte bereits am Mittwoch öffentlich vor einem unmittelbar bevorstehenden schweren Luftangriff gewarnt. Er berief sich dabei auf einen Lagebericht des ukrainischen Luftwaffenchefs.
Gleichzeitig erneuerte er seinen Appell an die westlichen Partner, die Ukraine mit modernen Flugabwehrsystemen zu unterstützen. Die ukrainischen Streitkräfte beklagen seit Längerem einen gravierenden Mangel an Flugabwehrraketen – insbesondere zur Abwehr ballistischer Raketen. Selenskyj richtete seinen Aufruf ausdrücklich an die USA und andere Staaten, die über Patriot-Systeme verfügen.
Polen reagierte auf die Ereignisse mit dem Aufstieg von Kampfjets zur Sicherung des eigenen Luftraums. Ein Sprecher des Ministers für die Koordinierung der Sonderdienste erklärte gegenüber dem polnischen Nachrichtenportal „o-net“, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine weiteren Einzelheiten bekanntgegeben würden.
Parallel dazu setzte das ukrainische Militär seine Angriffe auf Infrastruktur des russischen Online-Händlers Wildberries fort. In der Nacht wurde durch Drohnenbeschuss ein großes Lager des Unternehmens in der russischen Region Pensa in Brand gesetzt. Gouverneur Oleg Melnitschenko bestätigte mindestens einen Verletzten sowie die Evakuierung von rund 200 Mitarbeitern.
Selenskyj wirft dem Unternehmen vor, mit Material zu handeln, das für den seit 2022 laufenden russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine eingesetzt werde. Der Kreml weist diese Vorwürfe kategorisch zurück.
Bereits in der Nacht zu Mittwoch hatte die Ukraine in der russischen Stadt Rjasan ein Wildberries-Logistikzentrum sowie eine Raffinerie angegriffen.