Ein Elfmeter, der eine Fußballnation erschütterte – geschossen von einem Jungen, der in Wisconsin aufwuchs und in Bosnien seinen Traum fand.
Bevor er zum Helden jenes Landes wurde, das eine der größten Fußballnationen der Welt aus dem Turnier warf, war er schlicht ein Junge aus einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA. Esmir Bajraktarevic – dem Fußballfans längst unter dem Spitznamen „Milwaukee Messi“ begegnet sind – schrieb sich im März in die Geschichte Bosnien und Herzegowinas ein, als er Italien die Teilnahme an der diesjährigen Weltmeisterschaft kostete.
Genau auf diesen Moment war Bajraktarevic vorbereitet, als er in einer kühlen Nacht in Zenica zum entscheidenden Elfmeter antrat – WM-Qualifikation auf dem Spiel, Edin Dzeko nur wenige Meter hinter ihm. Er ließ Gianluigi Donnarumma keine Chance, und was folgte, war unbeschreiblicher Jubel. „Das ist eines der besten Gefühle, die ich je in meinem Leben hatte“, erzählte Bajraktarevic über diesen Moment – und scherzte, dass irgendwo eine Aufnahme existiert, auf der er weint.
„Es war wie ein Traum, der wahr wird. Das klingt abgedroschen, aber anders kann ich es nicht beschreiben.“ Sein verwandelter Elfmeter bedeutete für Italien die dritte verpasste Weltmeisterschaft in Folge – und für Bosnien und Herzegowina den Einzug in die Gruppe B, gemeinsam mit Mitgastgeber Kanada, Katar und der Schweiz.
Wurzeln in Wisconsin
Aufgewachsen ist der 21-Jährige zwar nicht in Bosnien und Herzegowina, doch Burek und Cevapi waren fester Bestandteil seiner Kindheit. In Appleton im US-Bundesstaat Wisconsin – einer Stadt mit rund 75.000 Einwohnern – ließ sich seine Familie nieder, nachdem seine Eltern das vom Krieg zerrissene Land verlassen hatten. Zu Hause wurde Bosnisch gesprochen, bosnische Musik gehört, und im Hinterhof kickte Esmir stundenlang mit seinem Bruder Osman.
Elfmeter übten die beiden täglich – mit Manuel Neuer als imaginärem Gegner im Tor. Der Traum, bei einer Weltmeisterschaft zu treffen, war damals schon real.
Wechsel zu Bosnien
Wie Fox berichtet, kehrt Bajraktarevic diesen Sommer in die Vereinigten Staaten zurück – diesmal jedoch als Teilnehmer einer Weltmeisterschaft, vor Familie und Freunden. Für die US-amerikanischen Jugendnationalteams hatte er bereits gespielt, im Jänner 2024 debütierte er unter Gregg Berhalter für die Seniorenauswahl. Noch im selben Jahr traf er die schwierige Entscheidung, seine Sportstaatsbürgerschaft zu wechseln und künftig für Bosnien und Herzegowina aufzulaufen.
Der amerikanische Verband versuchte, ihn zu halten – doch der Ruf der Herkunft war stärker. „Davon habe ich seit meiner Kindheit geträumt – mein Land auf höchstem Niveau zu vertreten. Die Gelegenheit bot sich, und ich habe entschieden zu gehen. Ich habe die beiden Nationalmannschaften nicht verglichen. Bosnien hat angerufen, und das war für mich etwas ganz Besonderes“, sagte er.
Sein Vater Elmir hätte womöglich selbst eine Profikarriere eingeschlagen – wäre da nicht der Krieg in Bosnien und Herzegowina zwischen 1992 und 1995 gewesen. Esmir entdeckte die Liebe zum Fußball früh, verfolgte gemeinsam mit seinem Bruder die Karrieren von Cristiano Ronaldo und Edin Dzeko. Heute ist Dzeko, einst Kindheitsidol, zu einem engen Freund und Mentor geworden.
Sein Aufstieg bei den New England Revolution verlief rasant: Technischer Direktor Curt Onalfo und Trainer Bruce Arena erkannten sofort „eine Ballbeherrschung, die nur wenige besitzen“. Aus der Akademie schaffte er den Sprung ins erste MLS-Team in kürzester Zeit – und seit Jänner 2025 trägt er das Trikot des niederländischen Topklubs PSV Eindhoven, mit dem er bereits zwei Meistertitel gefeiert hat.