
Eine neue Stafette für die, die das Gedenken an Jugoslawien hochhalten
„Wir bereiten uns auf den Dan Mladosti vor“, sagt Goran. „Da wird’s die große Feier aber nicht bei uns geben sondern vor dem Muzej Jugoslavije, und beim Verein Jugonostalgija in Bavanište. Mit denen haben wir eine sehr gute Kooperation“.
Die drei Institutionen und das Museum in Titos Geburtsort Kumrovec in Kroatien haben sogar eine Stafette geschaffen, die alljährlich zwischen Einrichtungen und Vereinen weitergegeben wird, die das Andenken an Jugoslawien hoch halten.
Aktueller Inhaber ist Mini Jugoslavija.
Stafetten sind das Symbol für den Dan Mladosti. Jeden Mai veranstalteten Schulen und Jugendorganisationen in Jugoslawien einen Stafettenlauf durch das ganze Land. Höhepunkt war die Übergabe der Stafetten an Tito am 25. Mai. An dem Tag feierte er seinen offiziellen Geburtstag,
Während die 9.000 Mitglieder das organisatorische Rückgrat des Themenparks sind – finanziell sind sie es nicht.
„Wir haben es mit Mitgliedsbeiträgen versucht. Das hat nicht so gut funktioniert. Die Menschen haben eben kein Geld“, sagt Goran.
Am ehesten unterstützen noch die Mitglieder aus der Dijaspora. „Da kriegen wir schon mal Einzelspenden von 50 Euro“, sagt Goran.
So setzt man auf Souvenirs als zusätzliche Einkommensquelle.
Beliebt sind die Reisepässe von Mini Jugoslavija. „Bei Großveranstaltungen verkaufen wir immer welche. Das Stück kostet 500 Dinar“, sagt Goran.
Der neue Jugoslawe
1.000 dieser Pässe hat man bisher ausgestellt. Bis vor Kurzem mit Foto. Nur ging mittlerweile die Sofortbildkamera kaputt. Bislang gab es keine Gelegenheit, sie zu ersetzen.
Auch meinem Fotografen Feđa Kiselički und mir stellt Goran Reisepässe aus.
Feđa wurde in Jugoslawien geboren. Für ihn ist das sozusagen eine Auffrischung.
Mich macht der Reisepass zum neuen Jugoslawen.
Beliebt sind auch jugoslawische Fahnen. Für die hat Mini Jugoslavija mittlerweile eine eigene Fertigung in Auftrag gegeben.
„Antiquarisch kriegt man die fast nicht mehr. Da müssen wir eben neue herstellen lassen.“
Auch die internationale Bühne hat Mini Jugoslavija mittlerweile betreten. Mit der niederländischen Minirepublik Liberland gibt es ein Abkommen.
Und seitdem es den Campingplatz gibt, gibt es auch internationale Touristen.
„Die meisten kommen aus Deutschland oder den Niederlanden“, sagt Goran. „Das sind eben die Länder, wo es den meisten Campingtourismus gibt. Ehrlich gesagt, wegen des Themas kommt von denen kaum jemand her. Aber wenn sie mal hier sind, setzen sie sich mit der Geschichte Jugoslawiens auseinander und sind meistens ganz erstaunt.“

Jugonostalgie boomt
So gibt es ein langsames Wachstum rund um Mini Jugoslavija und Jugonostalgie im Allgemeinen. Je mehr Zeit vergeht seit dem blutigen Zerfall des Landes desto mehr scheinen sich viele Menschen der positiven Seiten des Staates bewusst zu werden – von denen nicht wenige der heutigen Nostalgiker beigetragen haben, ihn zu Grabe zu tragen.
Soziale Absicherung, Mitsprache am Arbeitsplatz, einer der begehrtesten Reisepässe der Welt, internationales Ansehen, und die meiste Zeit ein passabler Lebensstandard – den selbst die ökonomischen Vorzeigenachfolger Slowenien und Kroatien erst vor wenigen Jahren übertroffen haben.
Ob jeder diese Errungenschaften sorgfältig gegen die negativen Seiten im zweifelsohne politisch autoritären Jugoslawien abwägt, bleibt dahingestellt.
Auch wenn die Generation über 40 den Großteil von Erinnerung und Nostalgie trägt – es sind nicht nur die Alten, die der Jugonostalgie anhängen.
„Das Muzej Jugoslavije ist heute das am meisten besuchte Museum in Serbien“, schildert etwa Goran. „Das war nicht immer so.“
Uroš‘ Bohnensuppe ist mittlerweile fertig. Mit pikanter Vojvodiner Wurst.
„Kommt, setzt euch her“, sagt Uroš zu Goran, Feđa und mir. „Jetzt essen wir mal“.
Und welches jugoslawischere Gericht könnte es wohl geben für diesen Ort als eine Bohnensuppe? Einerlei, ob man sie Pasulj nennt oder Grah.
Balkan Stories, Christoph Baumgarten
Christoph Baumgarten ist Journalist und Balkanreisender aus Leidenschaft. Seit 2015 verbindet er beide Leidenschaften auf seinem Blog Balkan Stories. Dort versucht er, Geschichten zu erzählen, für die es in größeren Medien meist keinen Platz gibt und stellt die Menschen in den Mittelpunkt.
Mehr von Christoph könnt ihr unter balkanstories.net nachlesen.