Eine Ausnahmeerscheinung
Er tut das mit der Selbstsicherheit eines Menschen, der sich seines Wissens bewusst ist und des Interesses, das er bei verstandesbegabteren Zeitgenossen wecken kann.
Unter den Erzählkünstlern, den Fabulierern, den Aufschneidern, auch den Straßenphilosophen dieser Stadt macht ihn das zu einer Ausnahmeerscheinung.
Wie Tomas sind die meisten von den unschönen Ereignissen der jüngeren Vergangenheit hierhergespült worden, gestrandet, ohne Perspektive. Oder zurückgelassen.
Regelmäßige bezahlte Arbeit ist für viele Bosnier unerreichbar. Offiziell ist ein Drittel der Menschen hier arbeitslos.
In den meisten Nachfolgestaaten Jugoslawiens ist es nur unwesentlich besser.
Man lebt von dem, was man hat
Man macht das, was man hat, zu Geld. Die einen verkaufen gebrauchte Schulbücher, die anderen gebrauchte Kleidung in diskreten Ecken, andere Ramsch am Rand der Märkte.
Wer erzählen kann, verkauft seine Geschichte oder erbettelt sich wenigstens ein mageres Honorar für seine Künste.
In diesem Teil der Welt gibt es ihn noch, den Geschichtenerzähler des Dorfes. Hier behandelt man ihn mit Achtung.
Seine prächtig ausgeschmückten Erzählungen regen die Fantasie an und anders als die Lügen der internationalen Geldgeber und der eigenen Politiker tun sie in der Regel niemandem weh.
Das Leben, wie es hätte sein sollen
Wer will es angesichts der allgemeinen Misere dem Geschichtenerzähler verdenken, wenn er gelegentlich auch seine eigene Geschichte nicht so erzählt, wie sie war, sondern wie sie hätte sein sollen?
Man mag diese regional sehr stark ausgeprägte Eigenschaft mit ironischem Blick sehen. Verspotten sollte man sie nicht.
Weder sind alle Menschen hier Lügner, schon gar keine geborenen, sie lügen noch nicht mal mehr als Menschen anderswo, noch ist die Liebe zum Ausschmücken eine unauslöschliche, quasi genetische, Eigenschaft. Es gibt einen Grund, warum sie da ist.
Es ist auch nicht so, dass man andernorts keine Aufschneider treffen würde. Kritiker munkeln, erst unlängst sei einer als österreichischer Bundeskanzler angelobt worden, und längst kein harmloser.
Auch Tomas erzählt sein Leben gerne so, wie es hätte sein sollen.

Professor für vergleichende Literatur in Beograd sei er gewesen, sagt er.
Das letzte Mal, als ich ihn traf, war er Buchhändler mit abgebrochenem Philosophiestudium.
Seine Belesenheit und seine fraglos vorhandene philosophische Bildung lassen das sehr plausibel erscheinen.