Prag, die Goldene Stadt
So oder so, das sind Erinnerungen aus einer besseren Zeit. Bessere Zeit meint hier immer die Zeit vor dem Krieg.
Vor dem Krieg, als Sarajevo eine lebendige und progressive Kulturszene hatte. Geprägt von Ausnahmeerscheinungen, von schrägen Köpfen, von Leuten auch wie Tomas. Die gegen Snobismus und kleinbürgerlichen Mief aufbegehrten.
„Während des Krieges war ich in Prag“, sagt er. „Auch wenn wir die meiste Zeit wenig hatten, war es eine schöne Zeit.“
Vor allem das Fußballspiel vermisst er heute. „Acht Stunden am Tag haben wir gespielt. Wir konnten ja sonst nirgends hin.“
Gelegentlich habe es Arbeit gegeben. Und ein wenig Geld für ein Bier oder sogar eine Pizza.
Seit 14 Jahren ist er wieder hier. Zurückgeschickt nach dem Krieg. Nie wieder Fuß gefasst in dem Ort, an dem er geboren und aufgewachsen ist. Wie tausende andere.
Die Gespräche mit Fremden sichern ihm ein karges Einkommen.
Auslasten tun sie ihn offensichtlich nicht. Zu selten sind sie. Zu anspruchlos die meisten Gäste.
Kaum jemand, der ihn mit seinem enzyklopädischen, wenn auch nicht immer präzisen, Wissen herausfordern könnte, setzt sich zu ihm.
Die meisten Touristen wollen ihre Klischees bestätigt haben. Einen, der sie zum Denken herausfordert, können sie nicht brauchen.
Der Veteran mit Krücke um die Ecke verdient sicher besser.
Die Widrigkeiten und die kleinen Freuden
Das Telefon läutet. „Ja, so in einer halben Stunde“, sagt Tomas.
„Das war ein Freund. Ein ehemaliger Professor an der Uni. Ich bringe ihm ein Buch vorbei“, erklärt er mir. „Der Arme kommt kaum noch außer Haus. Und neue Bücher kann er sich sowieso nicht leisten.“
Tomas seufzt und nimmt die Touristen wieder in den Blick. Er zündet sich eine Zigarette an.
Er dreht sich mir zu. „Wenn du schon unbedingt Fotos machen musst, dann auch von meinem Schuh. Schau dir das an. Die Sohle ist kaputt. Neue kann ich mir nicht leisten.“
Er posiert mit einem leichten Zwinkern.
Mit dem kaputten Schuh müsse er zum alten Freund gehen. Danch zum Tischtennis.
„Ich spiele jeden Tag eine Stunde. Das macht den Kopf frei. Das sollten sie auch an den Schulen machen. Eine Stunde Tischtennis am Tag“.
Fußball spielen geht nicht mehr so häufig wie früher. Tomas ist nicht jünger geworden.
„Und natürlich schau ich mir noch gerne Spiele im Fernsehen an. Alle großen europäischen Ligen“, sagt Tomas. Meist bei Freunden, seltener in einer Bar.
Das hängt auch davon ab, wie gut der Tag gelaufen ist.
Tomas macht sich auf zu seinem alten Freund. „Hat mich gefreut, dich wiederzusehen“, sagt er.
„Wenn du mal Hilfe brauchst, leg einen Zettel zum Portier im Historischen Museum“, meint er. Und macht eine kurze Pause.
„Ich hoffe nur, dass es dir nie so schlecht geht, dass du auf meine Hilfe angewiesen bist statt umgekehrt.“
Man weiß, er meint es ernst.
Balkan Stories, Christoph Baumgarten
Christoph Baumgarten ist Journalist und Balkanreisender aus Leidenschaft. Seit 2015 verbindet er beide Leidenschaften auf seinem Blog Balkan Stories. Dort versucht er, Geschichten zu erzählen, für die es in größeren Medien meist keinen Platz gibt und stellt die Menschen in den Mittelpunkt.
Mehr von Christoph könnt ihr unter balkanstories.net nachlesen.