„Liebe Kinder von Bosnien und Herzegowina, ich möchte euch etwas sagen, das ich wirklich so meine: Nichts ist unmöglich. Absolut nichts.
Wir können uns glücklich schätzen, Bosnier und Herzegowiner zu sein. Das sage ich nicht als jemand, dem alles in den Schoß gefallen ist – sondern als Junge, der den Krieg überlebt hat und dem das Schicksal ganz anders hätte mitspielen können.
Ich spreche nicht gerne über die Zeit der Belagerung von Sarajevo. Aber es ist mir wichtig, dass ihr begreift, wie es wirklich war. Ich war sechs Jahre alt, als alles begann. Ich erinnere mich noch an die ersten Sirenen – Mama riss mich hoch und wir kauerten uns hinter dem Schuhregal zusammen. Das war der erste Tag. Vier Jahre lang ging es so weiter.
Wir Kinder haben nicht wirklich verstanden, was um uns herum geschah, aber die Angst war jeden Tag da. Als es zu gefährlich wurde, in unserem Haus zu bleiben, zogen wir in die Wohnung meiner Großeltern. Vielleicht vierzig Quadratmeter – und fünfzehn Menschen schliefen auf dem Boden.
Oft spielten wir Monopoly. Kennt ihr das Spiel? Auf die Straße zu gehen war lebensgefährlich, Scharfschützen lauerten von allen Seiten, also saßen meine Cousins und ich stundenlang auf dem Boden neben dem Balkon und spielten. Spaß hatte das keiner von uns. Von draußen drangen Sirenen und das Donnern explodierender Granaten herein. Manchmal bebte alles so heftig, dass die Spielfiguren über den Boden flogen.
Aber jedes Mal, wenn wir spielten, waren es kleine Momente, in denen wir wenigstens für kurze Zeit in unsere eigene Welt fliehen konnten. Ein paar Minuten, in denen wir den Krieg vergaßen. Für einen Augenblick durften wir einfach Kinder sein.
Natürlich wollten wir raus, Fußball spielen, rennen – aber täglich sahen wir, wie Verletzte und Tote aus unserer Nachbarschaft abtransportiert wurden. Manchmal, wenn ein Tag etwas ruhiger war, öffnete Mama die Tür und ich durfte raus, um mit den Kindern aus den umliegenden Häusern zu spielen. Ich werde diesen Ausdruck in ihrem Gesicht niemals vergessen. Ein leises Lächeln, weil sie froh war, mich spielen zu sehen – und dann schaute ich ihr in die Augen und sah die Angst dahinter.
Irgendwann mussten wir alle raus. In den Wohnungen gab es kein Wasser, also schnappte man sich Kanister und Behälter und stellte sich auf der Straße an. Die Aufzüge funktionierten nicht, Strom gab es keinen. Also schleppten wir die vollen Kanister Stockwerk für Stockwerk nach oben.
Auch Essen war knapp. Unsere Eltern riskierten ihr Leben, damit wir etwas auf den Tisch bekamen. Manchmal aber fiel buchstäblich Essen vom Himmel – wir nannten sie einfach Pakete. Es waren Soldatenrationen. Für uns schmeckten sie wie das beste Essen der Welt. Wenn man jeden Tag dasselbe isst, wird Erdnussbutter zum Geschenk des Himmels.
Am Ende haben wir überlebt. Wenn ich heute daran zurückdenke, staune ich, wie stark wir waren. Und wir waren nur Kinder. Dabei hatte dieser Krieg überhaupt keinen Sinn. So viele unschuldige Menschen wurden getötet – wofür? Für Geld. Für Macht. Für das Ego von jemandem. Und letztlich für gar nichts.
Wenn ich heute im Fernsehen Krieg sehe, irgendwo auf der Welt, dreht sich mir der Magen um. Aber aus irgendeinem Grund lernen Erwachsene es einfach nicht.
Weg nach oben
Ich war fast zehn Jahre alt, als die Belagerung endete. An eine Karriere als Fußballer dachte ich damals nicht. Alles war zerstört. Die Plätze, auf denen ihr heute spielt, waren bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Ich spielte Fußball, weil ich es liebte – nicht weil ich ein Ziel vor Augen hatte.
Mein Vater arbeitete damals als Auslieferer von Brot und Backwaren. Aber sobald ich bei meinem ersten Verein spielte, legte er regelmäßig Pausen ein, um mich zu jedem Training zu fahren. Auf dem Weg dorthin sagte er mir immer wieder, dass das Wichtigste im Leben sei, ein guter Mensch zu sein – und alle Menschen gleich zu respektieren, egal wer sie sind, woher sie kommen und was sie tun. Jedes Mal, wenn ich aus dem Auto stieg, drückte er mir eine Banane in die Hand und sagte: „Viel Glück, mein Sohn.“
Am Wochenende schauten wir gemeinsam Spiele. Damals war die italienische Serie A die beste Liga der Welt. Habt ihr von Shevchenko gehört, dem Stürmer von AC Milan? Ich liebte Sheva. Für mich wirkte Italien wie ein Märchenland am anderen Ende der Welt. Dass ich dort eines Tages selbst spielen würde, war für mich schlicht nicht vorstellbar. Dann fing einer der Trainer an, mich Sheva zu nennen – wegen der blonden Haare und weil ich viele Tore schoss.
Dann kam der Tag, an dem ich neunzehn war und ein Trainer auf mich zukam und sagte, er wolle mich nach Tschechien mitnehmen. Ehrlich gesagt wusste ich damals selbst nicht genau, was meine Träume waren. Ich wollte einfach besser werden. Der stärkste Teil meines Körpers war mein Geist. Als ich in Teplice ankam, sagte ich mir: Edin, du musst härter arbeiten als alle anderen – oder sie schicken dich nach Hause.
Für mich zahlten sie 25.000 Euro. Rund zwei Jahre später unterschrieb ich bei Wolfsburg. Als wir gegen Milan spielten, tauschte ich das Trikot mit Sheva. Dann wechselte ich zu Manchester City – für eine Ablöse von 37 Millionen Euro. Danach spielte ich für Roma.
Ich bin im Krieg aufgewachsen. Und plötzlich lebte ich in einem Märchen. Niemals ist etwas unmöglich. Nicht einmal, Bosnien und Herzegowina zur Weltmeisterschaft zu führen.
Erinnert ihr euch an 2014? Als wir uns für unsere erste WM-Teilnahme qualifizierten, war das einer der glücklichsten Tage meines Lebens. Ich erinnere mich noch genau an das entscheidende Spiel in Litauen. Als der Schiedsrichter abpfiff, sprangen unsere Fans über die Absperrungen, kletterten von den Mauern und stürmten das Spielfeld. Ich drehte mich um, sah Menschen in absoluter Ekstase auf uns zurasen und dachte: Mein Gott, diese Leute sind nicht normal.
Dann bemerkte ich einen Mann, der langsamer lief als alle anderen. Er hinkte, kam aber direkt auf mich zu. Tränen in den Augen. Es war mein Vater. Er hatte sich das Bein beim Sprung verletzt – aber er sagte mir, dass er in diesem Moment keinen Schmerz spüre. Wir lagen uns einfach in den Armen und weinten zusammen.
In Brasilien hatten wir das Glück leider nicht auf unserer Seite. Ich erzielte gegen Nigeria ein Tor, das hätte zählen müssen. Damals gab es noch keinen VAR, der Schiedsrichter lag falsch und wir schieden in der Gruppenphase aus. Aber unser kleines Land spielte im legendären Maracanã in Rio de Janeiro.
Wisst ihr, was dabei fast komisch ist? Im März bin ich vierzig geworden – und meinen Geburtstag habe ich immer noch nicht gefeiert. Es war Ramadan, und danach folgten sofort wichtige Spiele gegen Wales und Italien.
Ich erinnere mich noch gut an den Moment in Wales. Wir lagen 0:1 zurück, ich schaute auf die Anzeigetafel – 85. Minute. Wir bekamen eine Ecke. Ich sprang hoch, traf den Ball mit dem Kopf und er landete im Netz. Aber noch während ich feierte, fiel mir ein: In meiner gesamten Karriere war ich viermal im Elfmeterschießen. Und alle vier hatte ich verloren.
Zum Glück wissen diese jungen Burschen in der Nationalmannschaft, wie man Elfmeter schießt. Anders als wir Veteranen denken sie nicht zu viel nach – sie laufen an, schießen und treffen.
Dann empfingen wir Italien in Zenica. In der letzten Minute der Verlängerung verletzte ich mir die Schulter und musste vom Platz. Den ersten Elfmeter unserer Mannschaft konnte ich nicht einmal sehen. Der Arzt fixierte mir noch den Arm, ich saß auf der Bank, und Trainer und Mitspieler versperrten mir die Sicht. Ich hörte nur das Rauschen der Menge, als der Ball ins Netz ging.
Als Esmir antrat, um den entscheidenden Elfmeter zu schießen, drehte sich unser Teamchef zu mir um und sagte nur, dass auch er nicht mehr hinschauen könne. Er kam zu mir, wir umarmten uns, legten die Köpfe aneinander, schlossen die Augen und hörten einfach zu. Wir hörten, wie Esmir den Ball traf. Gigi berührte den Ball mit den Fingerspitzen. Das Stadion verstummte für einen Moment vollständig. Es war die längste Millisekunde meines Lebens. Und dann – Explosion.
Schreie, Fackeln, Rauch und Feuerwerk. Die gesamte Bank stürmte aufs Feld. Ich umarmte unseren Teamchef noch fester, schaute in den Himmel und stieß den lautesten Schrei meines Lebens aus.
Das kleine Bosnien und Herzegowina ist wieder bei der Weltmeisterschaft.
Das alles zu erreichen war nicht leicht. Und es ist auch jetzt nicht leicht, mit vierzig Jahren, wenn der Rücken schmerzt, sobald man morgens aufsteht. Aber jedes Mal, wenn mein Körper aufgeben will, denke ich an all die Feiern, die ich verpasst habe, die Monate fern von meiner Familie, die Sommer, die ich trainierend und spielend verbracht habe, während Freunde Cocktails am Strand tranken. Jede Kritik trifft noch immer. Aber jedes Mal, wenn ich den Platz betrete, fühle ich mich wie ein Kind – wie einer von euch, mit Schmetterlinge im Bauch und Glanz in den Augen.
Nachdem wir Italien besiegt hatten, begrüßte ich zuerst meine Freunde aus der Zeit in der Serie A. Dann suchte ich meine Familie auf den Tribünen. Ich küsste meine Frau. Ich umarmte meine Eltern. Ohne sie wäre nichts davon möglich gewesen.
Je länger ich von Bosnien und Herzegowina entfernt bin, desto mehr liebe ich dieses Land. Seit zwanzig Jahren lebe ich im Ausland. Neun davon in Italien. Meine Kinder sind in Rom geboren. Aber jedes Mal, wenn ich meine Eltern in Sarajevo besuche, wenn Mama kocht, wenn wir alle beisammen sind, bin ich glücklich. Wenn ich dieses Trikot trage, schlägt mein Herz schneller.
Ich spiele für mein Volk. Ich spiele für die Mädchen und Jungs von den Straßen Sarajevos. Ich spiele für all die verschiedenen Kulturen und Religionen, die mein Land so wunderschön machen – auch wenn es immer noch Menschen gibt, die uns spalten wollen.
Deshalb bitte ich euch noch um eine einzige Sache: Egal, ob ihr in Sarajevo, Rom oder St. Louis lebt. Egal, ob ihr Muslime, Juden, Katholiken oder Orthodoxe seid. Vergesst niemals, woher ihr kommt.
Ihr seid Bosnier und Herzegowiner. Die Welt gehört euch.
Ich liebe euch alle.
Euer Edin“