Männer werden auf offener Straße gestoppt, an Arbeitsplätzen festgehalten – Russlands Rekrutierungsdruck erreicht eine neue Dimension.
Russische Sicherheitskräfte sollen Männer auf offener Straße, an ihren Arbeitsplätzen und selbst nach privaten Zusammenkünften festhalten und zum Abschluss eines Vertrags mit dem Verteidigungsministerium drängen. Gleichzeitig verdichten sich die Anzeichen, dass Moskau seinen Personalbestand erheblich ausweiten muss. Nach den Parlamentswahlen im September könnte sich der Druck weiter verschärfen.
Der Krieg in der Ukraine fordert weiterhin einen enormen Tribut an Menschenleben – und in Russland wächst offenbar der Bedarf, neue Männer für die Front zu gewinnen. Menschenrechtsorganisationen berichten seit Mitte August von einer auffälligen Häufung von Fällen, in denen Männer festgehalten und zum Vertragsabschluss mit dem Verteidigungsministerium gedrängt worden sein sollen. Die russische Organisation „Idite Lesom“ (zu Deutsch etwa: „Geht in den Wald“), die Menschen dabei unterstützt, dem Militärdienst zu entgehen, registrierte allein zwischen dem 10. und 18. August 14 derartige Vorfälle.
Betroffen waren Männer unter anderem in Krasnodar, Omsk, Archangelsk sowie in den Republiken Udmurtien und Burjatien. Manche sollen auf der Straße oder unmittelbar nach dem Verlassen eines Supermarktes angehalten worden sein, andere direkt an ihrem Arbeitsplatz. Die Berichte lassen sich nicht in jedem Einzelfall unabhängig verifizieren.
Zwang zur Rekrutierung
Nach Angaben der Organisation gingen teilweise gewaltsame Ausweis- oder Polizeikontrollen dem eigentlichen Vorgang voraus. Anschließend sollen Betroffene auf Polizeistationen oder in Rekrutierungsstellen gebracht und dort unter Druck gesetzt worden sein, einen Vertrag mit dem russischen Militär zu unterzeichnen. Auch in anderen Zusammenhängen – darunter bestimmte Regionen, Arbeitslose und Gefängnisinsassen – wird laut vorliegenden Berichten verstärkt mit Anreizen zur Rekrutierung argumentiert.
Der wirtschaftliche Druck ist unterdessen in mehreren anderen Städten bereits erheblich. Nach Einschätzungen amerikanischer Stellen hat Russland seit Beginn des Einmarsches im Februar 2022 insgesamt rund 1,4 Millionen Tote, Verwundete und Vermisste zu verzeichnen. Davon sollen zwischen 400.000 und 450.000 Soldaten getötet worden sein, allein im Jahr 2026 sollen die russischen Verluste zeitweise mehr als 30.000 Mann pro Monat betragen haben. Nach Schätzungen des britischen Verteidigungsministeriums und der NATO beliefen sich die russischen Verluste (Getötete und Verwundete) seit Beginn der Invasion im Februar 2022 bis etwa Ende 2025 auf rund 1,2 bis 1,3 Millionen Soldaten, wobei für das Jahr 2025 allein etwa 400.000 bis 415.000 russische Soldaten als getötet oder verwundet angegeben wurden.
Für zusätzliche Unruhe sorgt eine Aussage des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Er erklärte am 23. August, Putin wolle nach den russischen Parlamentswahlen im September 300.000 zusätzliche Soldaten einziehen. Die russischen Regional- und Kommunalwahlen im Rahmen des sogenannten „Einheitlichen Wahltags“ im Jahr 2025 fanden laut Wahlgesetz am zweiten Sonntag im September statt, der 2025 auf den 14.09. fiel, wobei in mehreren Regionen der Wahlzeitraum offiziell auf den 12.–14.09.2025 ausgeweitet wurde. Auch westliche Geheimdienstinformationen nähren die Spekulationen: Laut einem Bericht des Wall Street Journal wurden in Russland Übungen abgehalten, bei denen regionale Behörden ihre Bereitschaft für eine mögliche Mobilisierung unter Beweis stellen sollten.
Politisches Risiko
Politisch wäre eine erneute Massenmobilisierung für Wladimir Putin mit erheblichen Risiken verbunden. Als der Kreml am 21. September 2022 eine „Teilmobilisierung“ ankündigte und rund 300.000 Reservisten einziehen wollte, löste diese Entscheidung massive Unruhen aus. Hunderttausende Russen verließen damals das Land, um dem Militärdienst zu entgehen.
Moskau setzt seither nach eigenen Angaben weiterhin auf Freiwillige außerhalb der regulären Vertragsarmee, hohe Prämien und gesonderte Rekrutierungswege, um neuerliche Verwerfungen zu vermeiden. Dennoch bestehen laut Berichten erhebliche Schwierigkeiten – unter anderem durch gezielten Druck auf besonders vulnerable Bevölkerungsgruppen, wie die Washington Post berichtet.
Dabei ist zwischen einer Mobilisierung von Reservisten und der regulären Wehrpflicht zu unterscheiden. Putin ordnete für das Jahr 2026 offiziell die Einberufung von 261.000 russischen Männern zwischen 18 und 30 Jahren zum regulären Wehrdienst an – festgeschrieben in einem Ende Dezember 2025 veröffentlichten Präsidialdekret. Das bedeutet nicht automatisch, dass diese Männer für den Krieg in der Ukraine herangezogen werden.
Die parallele Ausweitung des regulären Einberufungssystems erleichtert dem Staat jedoch den Zugriff auf Wehrpflichtige. Hinzu kommt ein digitales Register für Militärpflichtige, das es erheblich schwerer macht, Einberufungsbescheide zu ignorieren. Wer darin erfasst und mit Reisebeschränkungen belegt ist, kann Russland nicht mehr ohne Weiteres verlassen.
Eine offiziell bestätigte Entscheidung für eine neue Massenmobilisierung gibt es mit Stand 25. August nicht. Russische Vertreter weisen entsprechende Berichte zurück. Dennoch treffen mehrere Entwicklungen gleichzeitig aufeinander: hohe russische Verluste, eine zunehmend schwierige freiwillige Rekrutierung, Berichte über Zwang und Einschüchterung, Mobilisierungsübungen sowie Selenskyjs Behauptung über weitere 300.000 Soldaten.