Christian Schmidt hat seinen Abgang als Hoher Repräsentant für Bosnien und Herzegowina nicht leichtfertig vollzogen. Die Entscheidung sei ihm schwergefallen, erklärte er – und begründete sie mit dem Ziel, die Einheit der internationalen Gemeinschaft in ihrem Verhältnis zu dem Land zu erhalten, wie die Deutsche Welle am Donnerstag berichtete.
In einem Interview bestätigte Schmidt, dass sein Rücktritt unmittelbar auf veränderte internationale Rahmenbedingungen zurückzuführen sei. Diese hätten sich auch auf das Klima innerhalb des Lenkungsausschusses des Friedensimplementierungsrates für Bosnien und Herzegowina ausgewirkt – jenes Gremiums, das die Arbeit des Hohen Repräsentanten steuert und dem die einflussreichsten westlichen Staaten sowie die Türkei angehören. Russland, das seit Langem auf eine vollständige Schließung des Büros des Hohen Repräsentanten drängt, hat sich aus diesem Ausschuss selbst ausgeschlossen.
Dodiks Lobbykampagne
Schmidt schied nach knapp fünf Jahren aus dem Amt – einer Amtszeit, in der er von seinen weitreichenden Befugnissen durchaus Gebrauch machte: Er setzte gewählte Amtsträger ab und erließ per Dekret Gesetze. Auf Basis solcher aufgezwungener Änderungen am Strafgesetzbuch wurde schließlich auch Milorad Dodik, der langjährige Anführer der bosnischen Serben, abgesetzt. Dodik reagierte darauf mit einer intensiven Lobbykampagne, die vor allem auf die Regierung von Donald Trump abzielte – mit dem Ziel, Sanktionen zu kippen und Schmidts Einfluss zu beschneiden.
Am 16. Juli 2025 wurde Dodik vom Verfassungsgericht von Bosnien und Herzegowina als Präsident der Republika Srpska seines Amtes enthoben, weil er Gesetze unterzeichnet hatte, die zuvor vom Hohen Repräsentanten Christian Schmidt aufgehoben worden waren.
Dass die Vereinigten Staaten ihre Haltung gegenüber dem Büro des Hohen Repräsentanten inzwischen neu justiert haben, machte die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen bei der jüngsten Sicherheitsratsdebatte zur Lage in Bosnien und Herzegowina im Mai deutlich: Washington wolle das Büro künftig vor allem in einer unterstützenden Rolle sehen – mit dem Fokus darauf, lokale Führungskräfte in die Lage zu versetzen, selbst Verantwortung für ihr Land zu übernehmen. Schmidt selbst beschrieb die Lage in seinen eigenen Worten so: „Wollen wir mit Dayton fortfahren oder anderen Ansätzen folgen? Welche Rolle spielt die internationale Gemeinschaft? Darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Ich muss mich darauf verlassen können, dass ich einen Konsens innerhalb der internationalen Gemeinschaft habe. Ich möchte diesen Konsens bewahren, so paradox das auch klingen mag. Ich glaube, dass er nur bewahrt werden kann, wenn ich einen Schritt unternehmen muss, den ich absolut nicht wollte: mich selbst aus den Verhandlungen zurückzuziehen und anderen den Weg zu öffnen.“
Offene Nachfolge
Die eigentliche Aufgabe, so Schmidts Botschaft, sei noch nicht erfüllt. Die entscheidende Frage bleibe, ob Bosnien und Herzegowina seinen Weg in Richtung europäische Integration fortsetzen könne – oder ob jene Kräfte die Oberhand gewinnen, die auf den Zerfall des Landes hinarbeiten. Als treibende Kraft hinter diesem zweiten Szenario nannte Schmidt Dodik: Dessen Lobbying ziele letztlich darauf ab, die Sezession beziehungsweise Unabhängigkeit der Republika Srpska zu ermöglichen, das Gerichtsurteil gegen ihn selbst zu kippen und Schmidts Abgang zu erzwingen. „Er hat dafür viel Geld investiert“, sagte Schmidt.
Wer das Amt des Hohen Repräsentanten übernehmen wird, ist noch offen. Der Lenkungsausschuss des Friedensimplementierungsrates will die Nachfolge bei seiner für den 3. und 4. Juni angekündigten Sitzung beraten. An seinen Nachfolger richtete Schmidt ein nüchternes Wort mit auf den Weg: „Ich kann nur sagen, dass jeder, der hierherkommt, wissen muss, dass dies ein Balanceakt zwischen einer unmöglichen Mission und kleinen Schritten nach vorne ist.“