Der Nahostkonflikt trifft Europas Treibstoffmärkte mit voller Wucht – und jedes Land reagiert anders.
Angesichts des eskalierenden Konflikts im Nahen Osten hat die serbische Regierung am Donnerstag das bestehende Exportverbot für Erdöl und Erdölderivate bis zum 2. April verlängert. Betroffen sind Diesel, Benzin und Rohöl – unabhängig vom Transportweg. Gleichzeitig werden aus der Staatsreserve 40.000 Tonnen Diesel freigegeben, um den heimischen Markt zu stabilisieren. Serbien verfügt über strategische Treibstoffreserven in Höhe von über 200.000 Tonnen Diesel – die aktuelle Freigabe entspricht damit rund einem Fünftel der Gesamtreserve.
Staatspräsident Aleksandar Vucic führte in diesem Zusammenhang ein Telefongespräch mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, bei dem es um eine gemeinsame Bewältigung der Lage auf verschiedenen Energiefeldern ging. Vucic verwies dabei auf mehrere Faktoren, die die wirtschaftliche und energetische Stabilität Serbiens belasten – darunter eine Entscheidung des amerikanischen Finanzministeriums zur serbischen Erdölindustrie.
Konkret geht es um die Zukunft der Erdölindustrie Serbiens (NIS), die als Teil des russischen Energiesektors unter US-Sanktionen steht. In vier Tagen läuft eine Frist ab, innerhalb derer NIS entweder übernommen werden oder das ungarische Unternehmen MOL seinen Mehrheitsanteil mit dem russischen Konzern Gazprom vertraglich neu regeln muss. „Wir haben keine Bestätigung, dass eine solche Entscheidung getroffen wird – und auch keine, dass sie positiv ausfallen würde. Man kann sich vorstellen, welche Probleme entstünden, wenn das Gegenteil der Fall wäre“, sagte Vucic.
Energieexperten geben vorerst Entwarnung: Serbien sei von den direkten Folgen des Nahostkonflikts noch nicht unmittelbar betroffen. An den Tankstellen gilt derzeit kein Limit beim Tanken. Aktuell kostet ein Liter bleifreies Benzin BMB 95 rund 1,57 Euro, Diesel 1,76 Euro und Autogas 92 Cent.
Bosniens Preisproblem
In Bosnien und Herzegowina klettern die Treibstoffpreise spürbar nach oben. Diesel überschritt zu Wochenbeginn die psychologische Marke von drei Konvertiblen Mark und wurde am Donnerstag vielerorts bereits zwischen 1,66 und 1,70 Euro pro Liter gehandelt. Beim Benzin der Sorte 95 Oktan schwanken die Preise je nach Region und Entität zwischen 1,20 und 1,36 Euro.
Das strukturelle Problem dabei: Bosnien und Herzegowina verfügt über keinerlei staatliche Treibstoffreserven, mit denen die Behörden regulierend eingreifen könnten. Die Einzelhandelspreise richten sich täglich nach den Einkaufskosten der Lieferanten, die den Kraftstoff aus dem Ausland importieren. Versuche der Entitätsregierungen, über ein Einfrieren der Handelsspannen gegenzusteuern, zeigten bislang kaum Wirkung.
Das Abgeordnetenhaus des gesamtstaatlichen Parlaments verabschiedete zu Wochenbeginn Änderungen am Verbrauchsteuergesetz, die dem Ministerrat die Möglichkeit geben würden, die Steuer vorübergehend auszusetzen oder für bis zu sechs Monate zu senken. Die Vorlage wurde im Eilverfahren an das Oberhaus weitergeleitet. Dessen Sitzung ist für Montag anberaumt – doch die Abgeordneten der SNSD haben bereits angekündigt, die Änderungen abzulehnen.
Die Begründung ist eine verfassungsrechtliche: Die SNSD vertritt den Standpunkt, dass Entscheidungen über die Verbrauchsteuer ausschließlich auf Entitätsebene getroffen werden dürfen. „Der Hauptgrund unserer Ablehnung ist die Missachtung verfassungsmäßiger Zuständigkeiten – beziehungsweise der Versuch, Kompetenzen von der Entität auf den Staat zu verlagern. Das werden wir nicht zulassen“, betonte SNSD-Fraktionschefin Sanja Vulic. „In dieser Frage haben sie ein unglaubliches Maß an Arroganz an den Tag gelegt“, sagte Mladen Bosic von der Serbischen Demokratischen Partei.
Tanktourismus & Limits
In Slowenien haben die MOL-Tankstellen als Reaktion auf den stark gestiegenen Verbrauch vorübergehende Mengenbeschränkungen eingeführt. Privatpersonen dürfen pro Besuch maximal 30 Liter tanken, für Lkw und Firmenfahrzeuge gilt eine Obergrenze von 200 Litern. Auch Shell führte Limits ein, zunächst bei 200, dann bei 100 Litern.
Das Phänomen des Tanktourismus macht auch der Slowakei zu schaffen. Die Regierung in Bratislava reagierte mit einem eigenen Ansatz: Fahrzeuge mit ausländischen Kennzeichen sollen künftig einen höheren Dieselpreis zahlen. Ministerpräsident Robert Fico wies darauf hin, dass viele Fahrer nicht nur ihre Tanks, sondern auch zusätzliche Kanister befüllen – was an einzelnen Tankstellen zu Engpässen führt.
In Kroatien verzeichnete das Wirtschaftsministerium in der ersten Märzhälfte 2026 einen massiven Anstieg beim Absatz von blauem Diesel – einem subventionierten Agrartreibstoff. In einzelnen Bezirken lagen die gelieferten Mengen um bis zu 700, in manchen sogar um mehr als 900 Prozent über dem Vorjahreszeitraum. Minister Ante Susnjar appellierte an die Landwirte, ihren Einkauf am tatsächlichen Bedarf für die Frühjahrsaussaat auszurichten.
Kroatiens Ministerpräsident Andrej Plenkovic forderte am Donnerstag auf EU-Ebene eine koordinierte Reaktion auf die durch den Nahostkonflikt ausgelöste Energiekrise. Er informierte seine EU-Kollegen über die Schritte, die seine Regierung am vergangenen Montag zur Begrenzung der Treibstoffpreise beschlossen hatte. Er verwies auch darauf, dass Italien am Vortag ebenfalls eine Preisobergrenze für Treibstoffe beschlossen habe.
Zum Ölnachschub erklärte Plenkovic, MOL habe seit Beginn des Konflikts 13 Tanker mit nicht-russischem Rohöl geordert; fünf davon seien bereits entladen und über die Adria-Pipeline Janaf zu Raffinerien in Ungarn und der Slowakei weitertransportiert worden. Die in einem Monat gelieferte Gesamtmenge belaufe sich auf rund eineinhalb Millionen Tonnen – hochgerechnet auf ein Jahr könne Kroatien über Janaf den gesamten Bedarf beider Länder decken. Das ungarische Beharren auf russischem Öl erklärte Plenkovic schlicht mit dem Preis: „Das ist die einzige Frage, um die es geht – und die wohl alle mehr als gut verstehen.“