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KOMMENTAR

Vidovdan: Ein Mythos als Grundlage der serbischen Identität?

Daher stellt sich nicht unbegründet die Frage, ob es die Figur des Sultansmörders wirklich gab und ob Obilić wirklich existierte. Der Held überlebte vor allem im Westen, außerhalb des Osmanischen Reiches, wo er zur Zeit der serbischen Aufstände bzw. bei schlechten Beziehungen zwischen Serben und Osmanen immer wieder „ausgegraben“ wurde. Gegen die Existenz von Obilić spricht zudem die albanische Quellenlagen, welche ihn als Witzfigur Millosh Kobiliq darstellt, die weit entfernt von einer Heldendarstellung ist. War Obilić also wirklich der Held, oder ist er nur erfunden?

 
Das Einzige worüber sich Wissenschaftler heute einig sind, ist, dass die heutige Fassung des serbischen Nationalepos aus dem 19 Jahrhundert stammt, weshalb es auf keinen Fall auszuschließen ist, dass es zu starken Umdichtungen und Veränderungen kam, welche der jeweils aktuellen Lage des serbischen Volkes entsprechen sollten.
(FOTO: Politika)

Wunden verheilen (absichtlich?) niemals
Im Laufe der Geschichte der Serben taucht der 28. Juni, neben der Schlacht am Amselfeld, mehrmals auf und ist immer Zeichen großer Umwälzungen. Dies hat natürlich ebenso zu der Mythisierung dieses Tages und der Schlacht geführt:

  • 28. Juni 1878: Debatte rund um das Fürstentum Serbien beim Berliner Kongress
  • 28. Juni 1881: Geheimkonvention zwischen Serbien und Österreich-Ungarn unterzeichnet (Unabhängigkeit Serbiens von der K&K-Monarchie und Recht ein Königreich zu werden)
  • 28. Juni 1914: Attentat von Sarajevo, bei welchem der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gattin ermordet wurden.
  • 28.06. 1919: Friedensvertrag von Versailles, das offizielle Ende des Ersten Weltkriegs
  • 28.06.1921: Vidovdaner Verfassung des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen durch König Aleksandar Karađorđević
  • 28.06.1948: Beendigung der Beziehungen der Kommunistische Partei Jugoslawiens mit den Staaten des kommunistischen Blocks.
  • 28. Juni 1989: 600-Jahresfeier der Schlacht am Amselfeld, historisch sehr einflussreiche Rede von Slobodan Milošević in Gazimestan (Kosovo)
  • 28. Juni 2001: Milošević wird dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag übergeben.

Es ist also augenscheinlich, dass der Tag immer wieder in der Geschichte des serbischen Volkes auftaucht und daher ist es nicht verwunderlich, dass gleichzeitig auch der Vidovdanmythos im großen Stile wiederbelebt wird. Die Hauptaufgabe des Mythenkomplexes ist es, soziale, religiöse und gesellschaftliche Regeln und Handlungen zu legitimieren und zu festigen. Die Wichtigkeit der Verbreitung des Mythos um den Kosovo sieht man auch in der zahlreichen Verwendung dieser Motive in populärer Kultur, sowie Literatur und Musik.

Dieser kurze Querschnitt zeigt bereits die Vielschichtigkeit und Schwierigkeit zur Analyse, da es nicht nur durch mündliche Überlieferung zu bewussten, bzw. unbewussten Veränderungen der Geschichte und somit zu Mythenbildung kam, sondern auch einige Institutionen, vor allem die orthodoxe Kirche und später ethnisch-nationale Politik in Serbien, bewusst zur Ausbildung und Fortleben beitrugen.

„Der Mythos kann in vielerlei Hinsicht eine Bedrohung darstellen. Erstens wegen seiner Tendenz zur schrankenlosen Expansion; der Mythos kann wuchern wie ein Tumor, er kann den Platz der positiven Erkenntnis anstreben, kann fast alle Kulturbereiche gewaltsam erobern und in Despotismus, Terror und Lüge ausarten …“ .

(KOŁAKOWSKI, LESZEK (1984) DIE GEGENWÄRTIGKEIT DES MYTHOS. PIPER, MÜNCHEN: 132)
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Der gebürtige Wiener hatte seine ersten Berührungspunkte mit Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien bereits im Teenageralter. Ihre Sprache faszinierte ihn sehr schnell und die Liebe zum Balkan führte ihn bis zum Abschluss des Studiums der Slawistik (B/K/S). Heute ist er ein hervorragender Kenner der Balkangeschichte, der südslawischen Sprachen sowie der kleinsten kulturellen Nuancen der bosnischen, kroatischen und serbischen Dialekte. Mit einem kritischen Blick auf dem Balkan, schreibt er seine Texte aus einer besonderen, transslawischen, internationalen Perspektive, und seine Kritik lässt niemanden unberührt.