Wenn die junge Elite das Land verlässt: Kroatien

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Wenn die junge Elite das Land verlässt: Kroatien

Westen/Kroatien/Auswanderung
Westen/Kroatien/Auswanderung (FOTO: iStockphotos)

BRAIN_DRAIN. Dass immer größere Anzahl an jungen Menschen ihre Heimatländer – Bosnien und Herzegowina, Kroatien und Serbien – verlassen, ist kein unbekanntes Phänomen. Die Gründe dafür sind genauso jedem Menschen bekannt.Dennoch interessierte uns, was sich alles hinter diesem Phänomen steckt und, ob ein höheres Lebensstandard wirklich der Hauptgrund für die Emigration junger Menschen aus Balkan darstellt. Um diese Fragen beantworten zu können, sprachen wir mit doc. dr. sc. Tado Jurić, dem Professor an der Kroatischen katholischen Universität in Zagreb, Politologen und Germanisten. Die Grundlage unseres Gespräches war seine letztes Jahr durchgeführte Studie: „Abwanderung von Kroaten nach Deutschland: EU-Migrationswelle“, wo er detalliert auf die Ursachen der Abwanderung von Kroaten eingeht. Die durchgeführte Untersuchung basiert auf einer Stichprobe von 1200 Befragten, die seit dem EU-Beitritt Kroatiens nach Deutschland ausgewandert sind.

KOSMO: Wie haben Sie Ihre Untersuchung durchgeführt?

Doc. dr. sc. Tado Jurić: Das Besondere an dieser Untersuchung ist, dass wir den Schwerpunkt der Untersuchung dorthin verlegt haben, wo er sein sollte, zu den ausgewanderten Kroaten in Deutschland. Die Untersuchung des Samples dauerte von Januar 2017 bis Oktober 2017 und die Studie umfasste ethnische Kroaten aus Kroatien und ethnische Kroaten aus Bosnien-Herzegowina. Die Gruppe bildeten 1200 befragte Personen, die in den vergangenen vier Jahren nach Deutschland übersiedelt und älter als 18 Jahre waren. Fast 1000 Fragebögen wurden online ausgefüllt, während 200 schriftlich bearbeitet wurden.

In unserer Untersuchung haben wir versucht herauszufinden, wie wichtig politische Faktoren bei der Migrationsentscheidung sind und ob das Verhalten der Politiker irgendeine Beziehung zu ihrer Abwanderung hat. Wir wollten auch das Wertesystem der kroatischen Migranten verstehen und darstellen, und ob es tatsächlich so ist wie behauptet, dass sie der materielle Wohlstand nach Deutschland zieht. Interessiert haben uns auch die konkreten Maßnahmen, die junge Menschen vorschlagen, um der Abwanderung entgegenzuwirken, und unter welchen Bedingungen sie zurückkehren würden. Wir wollten sehen, wie sich die jungen Migranten und die kroatischen Abwanderer allgemein fühlen, ob sie Heimweh haben und ob sie es bereuen, ausgewandert zu sein. Interessiert hat uns auch, ob hinter der „Ausdünnung der Arbeitskräfte“ aus diesem Raum eine breitere Strategie steckt. In der Theorie hat uns interessiert, wie eine erfolgreiche Integration verläuft und wer in Kroatien und B-H an die Stelle der abgewanderten Kroaten treten wird, und wir haben versucht, Parallelen zwischen der Migrationsbewegung nach Deutschland in den 70-Jahren und der heutigen Abwanderung zu ziehen. Interessiert hat uns auch, wie die Auswanderer Kroatien aus der Perspektive Deutschlands wahrnehmen und wie die Beziehung des kroatischen Staats zu den Auswanderern, d.h. der Diaspora in Deutschland ist.

Wie hat der Beitritt Kroatiens zur EU die Abwanderung von Kroaten in Länder der Union beeinflusst und gibt es Statistiken, um wie viele Prozentpunkt sich die Zahl der Auswanderer seitdem erhöht hat?

Seit dem EU-Beitritt sind ca. 350.000 Kroaten alleine nach Deutschland ausgewandert, das sind 75 % der neueren Abwanderungswelle. D.h. ca. 7 % der Gesamtbevölkerung des Landes sind ausgewandert. In den letzten drei Jahren haben wir jedes Jahr eine Stadt mit der Größe von Osijek (der viertgrößten Stadt Kroatiens) verloren, und zwar ebenso durch Abwanderung wie durch Entvölkerung. So sind wir dahin gekommen, dass München heute die fünftgrößte kroatische Stadt ist. In nur fünf Jahren ist die Abwanderungsrate nach Deutschland um 1000 Prozent gestiegen! Zum Beispiel sind 2010 4.863 Menschen abgewandert, 2011 waren es 8.089, 2013 bereits 18.633, dann 2014 37.060, 2015 50.646 und 2016 sind schließlich 51.163 Einwohner Kroatiens ausgewandert.

In den letzten drei Jahren haben wir jedes Jahr eine Stadt mit der Größe von Osijek (der viertgrößten Stadt Kroatiens) verloren.

Es ist ein wahres Glück, dass Österreich, das neben Deutschland für die kroatischen Bürger am attraktivsten ist, noch immer eine Obergrenze für Arbeitskräfte aus Kroatien wahrt. Der ehemalige österreichischer Kanzler Christian Kern erwartet, dass, wenn Österreich 2020 seine Tore für kroatische Arbeiter öffnet, innerhalb kürzester Zeit ca. 150.000 Arbeiter aus Kroatien ins Land kommen werden. D.h. Kroatien befindet sich im Moment in einer Art Halbzeit und muss jetzt einfach seine Kräfte konsolidieren und eine Lösung finden, um seine Bürger im Land zu halten. Sonst wird uns die nächste Auswanderungswelle, die im Sommer 2020 bevorsteht, vielleicht einen entscheidenden Schlag versetzen.

Was ist der Unterschied zwischen der Auswanderung der Kroaten in den ’60-er und ’70-er Jahren des letzten Jahrhunderts und der heutigen Abwanderung?

Die damalige und die heutige Abwanderung sind eng miteinander verbunden. Denn die Netzwerke der einstigen kroatischen Migranten sind in Deutschland weit verzweigt und die sogenannte „Auswanderungstradition“ der Kroaten nach Deutschland bedingt zum großen Teil die heutige Situation. So leben heute mehr Menschen aus einer ganzen Reihe von Siedlungsgebieten in Kroatien und in Bosnien-Herzegowina in Deutschland als in der Heimat. Heute leben in Deutschland mehr Kroaten als in Bosnien-Herzegowina, wo sie ein konstitutives Volk bilden. Eine Folge davon ist die strategische Verschiebung des kroatischen Volkes aus den traditionell ethnisch kroatischen Gebieten in Südosteuropa nach Zentraleuropa. Wir beobachten in der Tat eine große Wanderungsbewegung des kroatischen Volkes. In Bosnien-Herzegowina sehen wir zweifellos eine historische Abwanderung der Kroaten, nach der es keine Rückkehr mehr geben wird. Die Kroatien aus BIH sind die größten Verlierer der gesellschaftlichen Veränderungen im ethnisch kroatischen Raum und sie bilden ein Drittel aller abgewanderten Kroaten der neuen Migrationswelle. Sie haben jede Hoffnung in B-H, aber auch in Kroatien verloren. Da sie Migrationserfahrung haben, entscheiden sie sich leichter dazu. Eine große Zahl der Kroaten aus BIH hat auch Zagreb gewählt und gegen die Gebiete, aus denen sie vertrieben wurden, eingetauscht. Es hat sich gezeigt, dass sie in Kroatien als Ausländer wahrgenommen werden, ebenso wie auch in Deutschland, und viele berichten, dass sie dann lieber als Ausländer in Deutschland leben. Dies erklärt bis zu einem gewissen Grade auch, warum wir in absoluten Zahlen die größte Abwanderung aus Zagreb haben.

Die Kroatien aus BIH sind die größten Verlierer der gesellschaftlichen Veränderungen im ethnisch kroatischen Raum und sie bilden ein Drittel aller abgewanderten Kroaten der neuen Migrationswelle.

Hatten Sie Probleme bei der Veröffentlichung Ihrer Forschungsergebnisse, d.h. in wie weit erlaubt der kroatische Staat die Veröffentlichung solcher Informationen und wollte man sie kontrollieren?

Der kroatische Staat erlaubt die Veröffentlichung solcher Informationen natürlich. Aber das wahre Problem liegt anderswo. Denn die herrschenden Eliten haben versucht, das Problem der Abwanderung aus dem Land zu relativieren und haben erst in diesem Jahr anerkannt, dass wir als Gesellschaft ein ernsthaftes Problem haben. D.h. erst nach der Abwanderung von 350.000 Bürgern! Mit ihrer Verschleierung haben sie die Nation in eine Lage gebracht, in der es jetzt erheblich schwerer ist, bei der Migration eine Trendumkehr zu erreichen. Indem sie sich mit positiven Assoziationen schmückten, die sie dem „Land Kroatien“ zuschrieben, haben sie versucht, die Versäumnisse des „Staats Kroatien“ zu überdecken.

Die Regierenden wissen sehr gut, dass eine Regierung, die sich ernsthaft mit den Problemen der kroatischen Gesellschaft befasst, wahrscheinlich kaum eine Legislaturperiode überstehen, geschweige denn ein nächstes oder übernächstes Mandat gewinnen würde. Darum gibt es in diesem ganzen Prozess auch keine wirkliche Bewegung. Die Regierung ist an leichten politischen Punkten interessiert. Wir sehen, dass eine Regierung (sowohl eine linke als auch eine rechte bzw. eine im Zentrum) vor der Verantwortung für die wahren Probleme flieht. Auf ihrer Tagesordnung stehen immer wieder die Themen der Vergangenheit, Themen, über die es keinen Konsens gibt, fabrizierte Probleme, damit man „anderen“ für die Erfolglosigkeit der Wirtschaft und der Gesellschaft generell die Schuld geben kann.

Menschen, die in der Lage wären, die weitreichenden Reformen durchzuführen, die die kroatische Gesellschaft heute benötigt, müssten Fachleute sein, die ihre Aufgabe ausschließlich als Experten erfüllen und die sich hinterher aus der Politik zurückziehen. Es liegt in der Natur der Sache, dass eine „politische“ Regierung diese Aufgabe nicht bewältigen kann.

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