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Schlüsselfigur

Er schoss Italien raus – jetzt zittern die USA vor ihm

Er schoss Italien raus – jetzt zittern die USA vor ihm
Foto: epa/NIDAL SALJIC
5 Min. Lesezeit |

Ein Flüchtlingskind aus Wisconsin, ein Elfmeter gegen Italien – und nun droht er den Gastgebern die WM zu vermiesen.

Am Donnerstag um zwei Uhr früh österreichischer Zeit bestreiten die Zmajevi gegen die USA das bedeutendste Spiel ihrer Geschichte – Anlass genug für den Guardian, sich einem Mann zu widmen, der in diesem Duell eine Schlüsselrolle spielen könnte. Der Titel des Textes: „Lernen Sie Esmir Bajraktarevic kennen, den in Wisconsin geborenen Mann, der die USA zu Fall bringen könnte.“

„Der Krieg war ziemlich schlimm“, sagte Bajraktarevic gegenüber The Blazing Musket, noch bevor er die Nationalmannschaft wechselte. „Meine Eltern haben viele Familienmitglieder verloren. Das ist eine große Tragödie. Srebrenica (Massaker 1995) ist etwas, das ich niemals vergessen werde. Es ist ein Teil von mir, von dem, was ich bin. Es liegt mir im Blut.“

Flucht und Neuanfang

Der Guardian zeichnet zu Beginn das Bild zweier Lebenswege, die kaum unterschiedlicher hätten verlaufen können. Bajraktarevic wurde in Appleton, Wisconsin, geboren – einer beschaulichen Kleinstadt am Fluss im Mittleren Westen, die auch als Geburtsort von Harry Houdini bekannt ist. Sein fußballerischer Weg führte ihn über die Akademie von Chicago Fire zu den New England Revolution.

In den amerikanischen Jugendnationalmannschaften sammelte er erste internationale Erfahrung, zunächst in der U-19, später in der U-23. Im Jänner 2024 berief ihn Teamchef Gregg Berhalter erstmals in den Seniorenkader – sein Debüt gab er gegen Slowenien. Auch bei der Olympia-Qualifikation für Paris 2024 war er Teil des US-Aufgebots und half mit, das Ticket zu lösen.

Alles deutete darauf hin, dass er langfristig zum Stammpersonal der Amerikaner gehören würde. Technisch versierte Flügelspieler sind im modernen Fußball stets gefragt – und genau auf dieser Position hatte das US-Team unter Mauricio Pochettino erheblichen Nachholbedarf. Doch kurz vor der Bekanntgabe des Olympiakaders zog sich Bajraktarevic zurück: Er stellte einen Antrag auf Wechsel der Sportstaatsangehörigkeit, um künftig für Bosnien und Herzegowina auflaufen zu können.

Was folgte, ist eine der unwahrscheinlichsten Wendungen, die der Fußball schreiben kann. Sechs Jahre vor Bajraktarevics Geburt flohen seine Eltern aus einem Land, das im Krieg versank. Zunächst fanden sie Zuflucht in der Schweiz, wo sie zwei Jahre verbrachten, ehe sie 2001 im Rahmen eines Flüchtlingsumsiedlungsprogramms in die Vereinigten Staaten kamen.

Vor diesem Hintergrund gewinnt Bajraktarevics Entscheidung eine ganz andere Dimension. Sportlich betrachtet, so der Guardian, werde die Zeit zeigen, wie viel das US-amerikanische Programm durch seinen Abgang verloren hat. Zum damaligen Zeitpunkt schien der Wechsel jedoch weniger folgenreich als etwa die Entscheidungen von Brian Gutierrez und Obed Vargas, für Mexiko zu spielen – den direkten CONCACAF-Rivalen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Bajraktarevics Nationalmannschaftswechsel bei einem großen Turnier erneut zum Thema werden würde, galt als gering.

Gering – aber nicht null. Bosnien und Herzegowina hatte sich erstmals 1998 für eine WM-Qualifikation über die UEFA qualifiziert, scheiterte aber in den ersten vier Anläufen stets vor dem Ziel. Der fünfte Versuch wurde zur historischen Zäsur: 2014 standen die Zmajevi erstmals bei einer Weltmeisterschaft. Mit Sead Kolasinac in der Abwehr, Miralem Pjanic im Mittelfeld und Edin Dzeko als Sturmspitze überstand das Team die Vorrunde nicht – verlor gegen Argentinien und Nigeria – rettete den Auftritt aber mit einem Sieg über den Iran zum Abschluss der Gruppe F.

Bajraktarevic war damals neun Jahre alt. Während manche seiner Altersgenossen die Auftritte von Clint Dempsey und Tim Howard in Brasilien verfolgten, schaute er in eine andere Richtung. „Im Herzen wusste ich von klein auf, dass es am Ende Bosnien sein würde“, erinnerte er sich im Februar. „Es gibt Aufnahmen von mir als Kind, wie ich das Trikot von Edin Dzeko trage. Er war mein Lieblingsspieler, als ich aufwuchs – und für Bosnien zu spielen, das ist einfach etwas, wovon man träumt.“

Historisches Elfmeterschießen

Plötzlich hatte er die Chance, neben seinem Kindheitsidol aufzulaufen. Am 7. September 2024 gab Bajraktarevic sein Debüt im bosnisch-herzegowinischen Nationaltrikot – Monate bevor die UEFA-Qualifikation überhaupt begann. Weniger als zwei Jahre später sollte er seinen großen Moment erleben.

Im UEFA-Play-off gegen Italien gingen die Azzurri früh in Führung, gerieten aber nach der Roten Karte gegen Alessandro Bastoni in der ersten Halbzeit zunehmend unter Druck. Haris Tabakovic glich für Bosnien und Herzegowina aus, das Spiel endete unentschieden – und es kam zum Elfmeterschießen. Es war bereits das zweite in dieser Qualifikation, wieder mit dem WM-Ticket als Einsatz.

Beim ersten Elfmeterschießen im Play-off gegen Wales hatte Bajraktarevic noch nicht zu den ersten fünf Schützen gezählt. Diesmal trat er als vierter Schütze an – Bosnien führte bereits mit 3:1. Vor ihm stand Gianluigi Donnarumma. Es war einer jener Momente, die ein Sportlerleben definieren. Bajraktarevic zögerte nicht. Er schoss den Ball knapp unter die Handschuhe des italienischen Torhüters, der sich zu seiner linken Seite warf. Bajraktarevic lief zur Eckfahne, hob das bosnische Wappen in die Höhe – und die Zmajevi waren zurück bei der Weltmeisterschaft. Über Italien.

Unter Teamchef Sergej Barbarez stand Bajraktarevic in der Gruppenphase gegen Kanada und Katar in der Startelf, gegen die Schweiz kam er von der Bank – insgesamt absolvierte er 214 Minuten inklusive Nachspielzeit. Dabei fungierte er als wichtiges Bindeglied für progressive Pässe. Laut Statistiken der Plattform Futi spielte nur Ivan Basic mehr Bälle in den Strafraum als Bajraktarevics fünf für Bosnien und Herzegowina. Bei den Ballkontakten im Angriffsdrittel – insgesamt 70 – liegt er nur hinter seinem Kollegen auf dem gegenüberliegenden Flügel, Kerim Alajbegovic, so der Guardian abschließend.

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KO KOSMO-Redaktion
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