Serbien baut sich neu – und das in einem Tempo, das selbst erfahrene Infrastrukturplaner aufhorchen lässt.
Serbien erlebt derzeit die wohl intensivste Phase seiner infrastrukturellen Entwicklung seit Bestehen des modernen Staates. Im Mittelpunkt steht die grundlegende Erneuerung des Eisenbahnnetzes – ein Vorhaben, das weit über die bloße Sanierung veralteter Strecken hinausgeht. Mit Milliardenprojekten positioniert sich das Land als künftigen Verkehrsknotenpunkt zwischen Zentral- und Südosteuropa.
Das sichtbarste Symbol dieses Wandels ist die Hochgeschwindigkeitstrasse in Richtung Zentraleuropa. Seit Oktober 2025 verkehren die Züge Inter City (Soko) und Inter Regio auf der Strecke Belgrad–Subotica mit der projektierten Höchstgeschwindigkeit von 200 Kilometern pro Stunde. Der anschließende ungarische Streckenabschnitt wird über ein Darlehen der chinesischen Export-Import-Bank finanziert und mit chinesischer Technologie realisiert. Um die strengen EU-Vorschriften sowie die Standards des Europäischen Zugsicherungssystems ETCS zu erfüllen, wurde der deutsche Technische Überwachungsverein TÜV in das Projekt eingebunden.
Die Herausforderungen bei der Zulassung der Signalsysteme wurden durch den Einsatz moderner Hybridtechnologie gelöst, die einen sicheren Betrieb auch bei stark eingeschränkter Sicht und Geschwindigkeiten von bis zu 160 Kilometern pro Stunde in Ungarn ermöglicht. Derzeit sind noch zwei Umstiege erforderlich – in Subotica und Szeged –, um den Budapester Bahnhof Nyugati zu erreichen. Ein Ticket ab Belgrad ist ab 32 Euro erhältlich.
Die Gesamtreisezeit zwischen Belgrad und Budapest soll auf rund drei Stunden sinken. Darüber hinaus wird mit diesem Projekt die legendäre EuroCity-Linie Avala wiederbelebt, die Belgrad künftig ohne Umsteigen direkt mit Wien verbinden soll. Die Fahrt in die österreichische Bundeshauptstadt würde damit rund sechs Stunden dauern – drei Stunden bis Budapest, weitere zwei Stunden und vierzig Minuten weiter nach Wien. Zum Einsatz kommen neue elektrische Triebzüge des chinesischen Herstellers CRRC, die für Geschwindigkeiten bis zu 200 Stundenkilometer ausgelegt sind.
Südliche Magistrale
Während die nördliche Magistrale ihrer Fertigstellung entgegengeht, verlagert sich der Schwerpunkt der Bauaktivitäten in den Süden des Landes. Präsident Aleksandar Vucic hat die Bedeutung dieser Route klar umrissen: Die Eisenbahnstrecke Belgrad–Niš sei die Lebensader des Landes und knüpfe an die Verbindung Subotica–Novi Sad–Belgrad an – mit Geschwindigkeiten von stellenweise 160 und stellenweise 200 Kilometern pro Stunde.
Das Gesamtprojekt zur Modernisierung der 230 Kilometer langen Trasse Belgrad–Niš wird auf 2,77 Milliarden Euro veranschlagt. Die Europäische Union steuert einen Zuschuss von 600 Millionen Euro bei. Aktuell stehen die EU-Delegation in Serbien und das zuständige Ministerium vor der Ausschreibung für den Abschnitt 3 zwischen Paracin und Trupale, der sich über 79,7 Kilometer erstreckt und für eine Höchstgeschwindigkeit von 200 Kilometern pro Stunde ausgelegt ist. Geplant sind zwölf höhenfreie Kreuzungen, acht Brücken und Durchlässe, siebzehn Unterführungen sowie zwei Fußgängertunnel.
Ein weiterer, technisch besonders anspruchsvoller Abschnitt ist für 160 Kilometer pro Stunde projektiert. Er erfordert den Bau von 18 höhenfreien Kreuzungen, 14 Brücken, 15 Stützmauern und 18 Durchlässen. Ein zentrales Bauwerk wird der neue, 580 Meter lange Tunnel Djunis sein, der die Trassengeometrie vor der Ortschaft Vitkovac verbessern soll. Die Strecke verläuft entlang der Südlichen Morava und macht aufwendige Trassierungsarbeiten und Kurvenkorekturen in mehreren Ortschaften notwendig, darunter Donji Ljubes, Srezovac, Gornji Ljubes, Korman, Trnjane, Donji Adrovac, Prcilovica und Zitkovac. Besonderes Augenmerk legten die Planer auf den Lärmschutz durch transparente und nicht-transparente Schutzwände sowie auf die Minimierung von Gebäudeabrissen in den betroffenen Dorfzentren.
Von strategischer Bedeutung für Serbiens Stellung als Transitland ist zudem die Elektrifizierung der Strecke Niš–Dimitrovgrad – bislang der einzige nicht elektrifizierte Abschnitt des Korridors X. Diese Verbindung nach Bulgarien ist eine Hauptroute für Gütertransporte aus der Türkei und dem Nahen Osten. Das Projekt wird über ein Darlehen der Europäischen Investitionsbank sowie nicht rückzahlbare Mittel aus dem Investitionsrahmen für den Westbalkan finanziert und umfasst vier Komponenten: bauliche Rekonstruktion, eine Umfahrung von Niš, Elektrifizierung und Signalisierung sowie Planung und Überwachung.
Im Juli 2025 begannen die Arbeiten am dritten Bauabschnitt auf dem 10,2 Kilometer langen Teilstück Sukovo–Dimitrovgrad. Durch die Modernisierung von Unter- und Oberbau wird die zulässige Geschwindigkeit auf diesem Abschnitt von durchschnittlich 30 auf 120 Kilometer pro Stunde angehoben. Präsident Vucic hob in diesem Zusammenhang auch die Bedeutung der geplanten 74 Kilometer langen Neubaustrecke Ruma–Sabac–Loznica–Zajecar–Prahovo für den Osten Serbiens hervor.
Belgrader Stadtprojekte
In Belgrad selbst nähert sich ein Projekt im Wert von 188 Millionen Euro seiner Fertigstellung, das die Hauptstadt rechtzeitig vor der Expo 2027 in den Kreis jener Metropolen aufnehmen soll, die über eine direkte Schnellbahnverbindung zwischen Flughafen und Stadtzentrum verfügen. Die zweigleisige, vollständig elektrifizierte Regionalstrecke ist 18 Kilometer lang und gliedert sich in zwei Abschnitte: Zemun Polje bis zum Flughafen Belgrad Nikola Tesla (11 km) sowie vom Flughafen zum Nationalstadion beziehungsweise zum Expo-Komplex (7 km). Auf der technisch komplexen Baustelle sind durchgehend mehr als 500 Arbeiter und 200 Ingenieure im Einsatz. Die Trasse umfasst sechs bedeutende Bauwerke – vier Brücken, darunter jene über die Autobahn E-70, die ohne Unterbrechung des Straßenverkehrs errichtet wurde, sowie ein Viadukt und eine Überführung. Fahrgäste werden die Bahnhöfe Zemun Polje und Nationalstadion sowie die Haltestellen Singidunum, Flughafen und Surcin nutzen können.
Bauministerin Aleksandra Sofronijevic brachte die Tragweite des Projekts auf den Punkt: „Das bedeutet nicht nur Komfort und Sicherheit. Mit dieser Strecke werden unsere Bürgerinnen und Bürger – und alle, die nach Belgrad kommen – in 15 bis 20 Minuten im Stadtzentrum sein.“ Für die Linie wurden neun neue chinesische Elektrotriebzüge angeschafft, die für bis zu 120 Stundenkilometer ausgelegt sind. Das Fahrgastpotenzial wird auf rund 10.000 Personen täglich beziehungsweise 3,5 Millionen jährlich geschätzt.
Mit der Inbetriebnahme der neuen Eisenbahnbrücke über die Tamis bei Tomasevac wurde offiziell die Strecke Pancevo–Zrenjanin–Kikinda erneuert und modernisiert. Die Eröffnung dieses mit 12,5 Millionen Euro finanzierten Projekts markiert einen historischen Moment für die Verkehrsinfrastruktur des Banats: Die Verbindung schließt Zrenjanin über Pancevo an Belgrad an. Die Brücke ist 120 Meter lang, ruht auf vier Pfeilern – zwei davon im Flussbett – und weist eine Spannweite von 40 Metern zwischen den Pfeilern auf. Im Zuge der Bauarbeiten wurden rund 1.200 Meter neues Gleis verlegt, etwa 170 Tonnen Schienen eingebaut, 1.700 bis 1.800 Eisenbahnschwellen gesetzt sowie 24.000 bis 25.000 Kubikmeter Material in einen zementstabilisierten Damm eingebracht. Ergänzend erfolgte eine Regulierung des Tamis-Flussbetts im Bereich des Neubaus.
Parallel zu den Personenkorridoren investiert der Staat auch in die Frachtinfrastruktur für Industriestandorte. Auf Initiative der Stadt Kragujevac und auf Basis eines Vertrags mit dem staatlichen Unternehmen Infrastruktur der Eisenbahnen Serbiens laufen die Vorbereitungen für den Bau der Strecke Sobovica–Luznice–Abzweig Batocina. Die völlig neue, 15,17 Kilometer lange Trasse soll die Industriezone Majnd Park direkt an die Strecke Lapovo–Kraljevo anbinden. Das Investitionsvolumen wird auf rund 39 Millionen Euro geschätzt. Zunächst für den Transport von Materialien und fertigen Straßenbahnen vorgesehen, soll die Strecke in einer späteren Phase auch für den Personenverkehr geöffnet werden.
Die Infrastrukturentwicklung erfolgt dabei in enger Abstimmung der einzelnen Verkehrsträger. So verläuft die aktuelle Schnellstraße Ruma–Sabac–Loznica, die bis zum Grenzübergang Mali Zvornik verlängert werden soll, im Korridor der bestehenden Eisenbahnstrecke, mit der sie sich an mehreren Punkten kreuzt – was in diesem Teil des Landes komplexe räumliche Planungslösungen erfordert.
Den übergeordneten Rahmen für all diese Vorhaben hat Präsident Vucic mit der nationalen Strategie Serbien 2030 abgesteckt, in der er den Entwicklungspfad des Landes im Detail skizziert hat.