KOSMO: Wie sind die ersten Gastarbeitervereine in Österreich entstanden?
Ljubomir Bratic: 1966 gab es im Abkommen zur Beschäftigung jugoslawischer Arbeitnehmer/innen in Österreich den Paragraf 9, Punkt 2, in dem es Österreich den Menschen aus Jugoslawien gestattete, sich in Österreich in bestimmten Vereinen zu organisieren. Österreich durfte das dem Vertrag nach nicht verbieten. Das zeigt, dass Jugoslawien an seine Arbeitskräfte dachte. Es hab eine feste Verbindung zwischen dem Jugoslawischen Gewerkschaftsverband und dem Österreichischen Gewerkschaftsbund.
Die Gastarbeiter waren ab diesem Zeitpunkt keine Individuen mehr, sondern sie vereinigten und organisierten sich, um mit gemeinsamer Stimme zu sprechen. Die Interessen dieser Stimme waren Sport, Kultur, Folklore und nicht die Forderung nach Rechten, denn man dachte ja daran, noch einmal zurückzukommen. Anders als wir waren die Türken, die nach zwei Putschen in ihrem Land gekommen waren, politisch viel bewusster und wollten in Österreich für ihre Rechte kämpfen.
Aber es ist ein großer Erfolg unserer Gemeinschaft, dass es ihr gelungen ist, sich zu organisieren. In Wien bestanden in den achtziger Jahren ca. fünfzig unserer Clubs sowie eine Dachorganisation, der Stadt- und Bundesverband der Clubs. Es gab eine Organisationsstruktur, die auch große Veranstaltungen organisierte wie zum Beispiel die Arbeitersportfeste in den achtziger Jahren, an denen mehrere tausend Menschen teilnahmen. Heute haben wir eine Folkloreschau, die ebenfalls damals gegründet wurde. Mit dem Zerfall Jugoslawiens verließen die Vereine und Clubs den Verband. Obwohl all diese Clubs jugoslawisch waren, wurde die einheitliche Nationalität ideologisch in Frage gestellt.

KOSMO: Wie entstand das Projekt ,,Museum der Migration“ und was ist mit ihm passiert?
Ljubomir Bratic: Gemeinsam mit Arif Akkiliç und anderen Aktivisten habe ich begonnen, Materialien und Objekte für die Ausstellung „Gastarbajteri“ zusammenzutragen. Wir haben schnell gemerkt, dass es da keine Materialien gab und dass die Archive nur sehr wenig über die Begriffe haben, die uns interessieren und die doch so eine große Rolle in der Geschichte dieser Stadt spielen. Gerade wegen dieser ständigen Marginalisierung unserer Landsleute in Österreich wollten wir die Frage der Gastarbeiter und Migranten in den Fokus rücken.
Kurzzeitig ist es uns bei der Vorbereitung und Organisation dieser Ausstellung gelungen, diese Menschengruppe in der Öffentlichkeit ins Rampenlicht zu stellen, aber dann hat sich der Kreis um diesen Diskurs wieder geschlossen. Im Rahmen der Ausstellung haben wir 2004 auch eine Diskussion über ein „Museum der Migration“ angeregt. Die Ausstellung war sehr erfolgreich und das Material haben wir dem Wien Museum angeboten, das jedoch kein Interesse daran hatte.
Diese Ausstellung war damals für einzelne wichtig, um politisch Punkte zu sammeln. Ein echtes Interesse an den Objekten und dem Material und ihrer Erhaltung bestand nicht. Es herrscht kein Interesse an dieser Geschichte der Stadt Wien. Ich würde gerne das ganze Material, das ich besitze, übergeben, wenn ich wüsste, dass es nicht sinnlos verschwendet wird oder in irgendeinem Museumskeller vermodert. Das Material ist bei mir und ich habe noch einige Projekte im Sinn, die ich damit umsetzen möchte. Im September dieses Jahres organisiere ich gemeinsam mit der Schriftstellerin Elena Mesner im Rahmen der WIENWOCHE e eine große Konferenz-Performance zum Thema des Migrationsmuseums in der Kunstakademie, Aula der Akademie der bildenden Künste Wien und eine Diskussion mit allen Direktorinnen und Direktoren von Wiener Museen unter dem Titel „Wer hat Angst vor einem Museum der Migration“?