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Diaspora

„Dijaspora ima para“ – Warum uns am Balkan noch immer viele für reich halten

„Dijaspora ima para“ – Warum uns am Balkan noch immer viele für reich halten
(FOTO: Mit KI erstellt)
4 Min. Lesezeit |

Am Balkan hält sich bis heute hartnäckig ein Bild: Wer im Ausland lebt, hat automatisch Geld. Wer aus Österreich nach Bosnien, Serbien oder Kroatien fährt, gilt schnell als derjenige, der es sich leisten kann. Doch zwischen dem Bild vom reichen Verwandten aus dem Ausland und dem tatsächlichen Leben in Österreich liegen oft Welten.

Es beginnt häufig schon im Urlaub. Im Restaurant wandert die Rechnung fast automatisch in Richtung des Verwandten aus Wien. Beim Kaffee heißt es: „Ma pusti, ti radiš u Austriji.“ Und wenn über ein neues Auto, eine renovierte Wohnung oder den nächsten Urlaub gesprochen wird, fällt irgendwann jener Satz, den wahrscheinlich fast jede Familie mit Diaspora-Bezug kennt: „Dijaspora ima para.“ – Die Diaspora hat Geld.

Ganz aus der Luft gegriffen ist dieses Bild nicht. Zwischen Österreich und den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens fließen jedes Jahr enorme Geldsummen. Allein nach Bosnien und Herzegowina wurden 2025 laut Zentralbank 4,46 Milliarden Konvertible Mark an persönlichen Geldtransfers aus dem Ausland überwiesen. Das entspricht rund 2,28 Milliarden Euro.

Auch in Serbien spielt das Geld aus der Diaspora eine enorme Rolle. 2025 gingen laut serbischer Nationalbank 5,3 Milliarden Euro an Überweisungen aus dem Ausland ein. Österreich gehörte dabei zu den wichtigsten Herkunftsländern: 8,3 Prozent dieser Transfers kamen aus Österreich.

Was am Balkan sichtbar ist

Und genau hier entsteht ein Teil des Bildes. Sichtbar ist nämlich vor allem das Geld, das ankommt. Die 200 Euro für die Eltern. Das Kuvert für eine Hochzeit. Die neue Fassade am Familienhaus. Das volle Auto bei der Fahrt in den Sommerurlaub. Der Restaurantbesuch mit der ganzen Familie oder der Einkauf, bei dem plötzlich jemand sagt: „Ma ja ću platiti.“ – Komm, ich zahle.

Unsichtbar bleibt dagegen häufig, was dieses Geld in Österreich gekostet hat. Miete, Kredit, Versicherungen, Strom, Kinderbetreuung, Auto und Lebensmittel werden beim Besuch in der Heimat nicht mitgeliefert.

Die Zahlen zeigen, wie teuer der Alltag in Österreich tatsächlich ist. Laut Statistik Austria lagen die durchschnittlichen Konsumausgaben eines Privathaushalts 2024/25 bei rund 4.170 Euro pro Monat. Davon entfielen im Schnitt etwa 1.100 Euro auf Wohnen und Energie sowie 567 Euro auf Verkehr.

Auch das Wohnen ist deutlich teurer geworden. Zwischen 2015 und 2025 stiegen die gesamten Wohnkosten österreichischer Haushalte laut Statistik Austria um rund 35 Prozent, bei Mietwohnungen sogar um knapp 40 Prozent.

Euro ist nicht gleich Reichtum

Natürlich liegen viele österreichische Einkommen weiterhin deutlich über jenen in Teilen des Balkans. Wer beispielsweise 2.500 Euro netto verdient, verfügt nominell über wesentlich mehr Geld als jemand mit einem Einkommen von mehreren hundert Euro. Der Fehler beginnt jedoch dort, wo nur das Einkommen miteinander verglichen wird – und nicht die Kosten des Lebens.

Ein höheres Gehalt bedeutet eben nicht automatisch, dass am Monatsende auch entsprechend mehr übrig bleibt. Gleichzeitig entsteht bei vielen Menschen aus der Diaspora zusätzlicher Druck: Wer nur zwei oder drei Wochen im Jahr „unten“ ist, möchte seinen Urlaub genießen, Freunde einladen, Eltern unterstützen und nicht bei jedem Kaffee ausrechnen, wer diesmal bezahlt.

Dadurch entsteht ein paradoxer Effekt: Gerade weil viele während des Heimaturlaubs großzügiger auftreten als im österreichischen Alltag, verstärken sie unbewusst das Bild vom wohlhabenden Leben in der Diaspora.

Zwischen Stolz und Erwartungsdruck

Dahinter steckt aber noch etwas anderes. Für frühere Generationen war das Geld aus Österreich, Deutschland oder der Schweiz oft weit mehr als nur zusätzliches Einkommen. Es finanzierte Häuser, Ausbildung, Autos, Hochzeiten und unterstützte Familien in schwierigen Zeiten. In manchen Ländern ist die wirtschaftliche Bedeutung dieser Transfers bis heute enorm. Bei Bosnien und Herzegowina entsprachen persönliche Rücküberweisungen 2025 laut Weltbank rund 10,7 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung.

Das prägt Wahrnehmungen über Generationen hinweg. Wer „vani“ lebt, hat es geschafft. Wer Euro verdient, kann helfen. Und wer nach Hause kommt, soll zeigen, dass sich das Leben im Ausland gelohnt hat.

Die Realität ist komplizierter. Die Diaspora ist weder grundsätzlich reich noch grundsätzlich finanziell unter Druck. Sie besteht aus Unternehmern, Angestellten, Arbeitern, Pensionisten, Familien mit Eigenheim ebenso wie Menschen, die jeden Monat ihre Miete bezahlen müssen.

Vielleicht hält sich der Satz „Dijaspora ima para“ deshalb so hartnäckig: Am Balkan sieht man oft, was die Diaspora ausgibt. Was man kaum sieht, ist das Leben, das sie sich dafür in Österreich jeden Monat leisten muss.

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KO KOSMO-Redaktion
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