Festgesetzt in einer der gefährlichsten Meerengen der Welt – für Tausende Seeleute wird der Alltag zur psychischen Zerreißprobe.
Seit dem Ausbruch des Krieges zwischen den USA und dem Iran ist die Straße von Hormus, die bedeutendste Meerenge der Welt für den globalen Ölhandel, blockiert. Hunderte Tanker liegen dort auf Reede fest, aufgehalten durch den Iran. Rund 20.000 Seeleute – viele davon aus Europa und Asien – sitzen auf den Schiffen und warten.
In einem Gespräch mit „The Guardian“ schildert ein Seemann, wie die wochenlange Ungewissheit und die täglich spürbare Bedrohung den Besatzungen zunehmend zusetzen. „Man kann zwar versuchen, die Auswirkungen dieser Situation auf die psychische Gesundheit zu minimieren, aber es wird immer schwieriger.“ Nach rund sechs Wochen an Bord sehe er keine realistische Aussicht auf baldige Ablösung mehr.
Psychischer Zusammenbruch
Der ohnehin brüchige Waffenstillstand habe die letzten Hoffnungen zunichtegemacht. „Ich habe keinen Zweifel daran, dass dieses spezielle Problem, dieser psychische Zusammenbruch, aufgrund des Stresses überall auf Tankern auftritt.“ Inzwischen habe er die Kündigung eingereicht und weigere sich, die gefährliche Meerenge ein weiteres Mal zu passieren.
„Wir liegen vor Anker, in der Nähe von Dutzenden beladenen Tankern. Niemand hat sich auch nur einen Zentimeter bewegt“, sagt das Besatzungsmitglied, das freie Sicht auf einen kuwaitischen Tanker hat, der kürzlich von einer iranischen Rakete getroffen wurde. Angesichts von Drohnenangriffen und Berichten über Unterwasserminen wolle auch der überwiegende Teil der Crew von seinem Recht Gebrauch machen und die Weiterfahrt verweigern.
„Es geht um Sicherheit, es geht ausschließlich um Sicherheit“, so der Seemann. Ein Besatzungsmitglied soll bereits einen Nervenzusammenbruch erlitten haben und von Kollegen betreut werden müssen.
Wie „The Guardian“ weiter berichtet, habe die Internationale Transportarbeiter-Föderation (ITF) seit Beginn des Konflikts mehr als 1.000 Anfragen von Seeleuten erhalten, 20 Prozent davon sollen Bitten um Rückführung in die Heimat gewesen sein. Viele Besatzungen würden über Probleme mit Lohn, Versorgung und gravierendem Stress klagen. „Ich war etwas überfordert und wusste nicht, ob ich mit meinen Gefühlen umgehen konnte. Mir ist es wichtig, dass mich niemand weinen sieht“, berichtet der Seemann.
Ungewisse Ablösung
ITF-Vertreter David Appleton sagte der britischen Zeitung: „Alle tun ihr Bestes, aber eigentlich möchte man die Leute aus dieser Situation herausholen.“ Neben der permanenten Bedrohungslage sei es vor allem die Ungewissheit über die Dauer der Blockade, die den Seeleuten psychisch am stärksten zusetze.
Laut „The Guardian“ sind Reedereien verpflichtet, ihren Besatzungen in Gefahrenzonen den doppelten Lohn zu zahlen, und bemühen sich derzeit um freiwillige Ablösungen. Als potenzielle Ersatzleute kämen derzeit vor allem Seeleute aus der Ukraine infrage. „Der einzige Unterschied zwischen ihnen und uns ist die Wahlfreiheit. Wenigstens entscheiden sie sich, hierher zu kommen“, betont der Betroffene.
Die Hoffnung richtet sich darauf, dass der Tanker bald entladen wird – dann könnten Freiwillige die Besatzung übernehmen und die psychisch stark belasteten Crewmitglieder ablösen. Versuchen, die Mannschaft zum längeren Verbleib zu bewegen, wird an Bord eine klare Absage erteilt.
„Ich bin nach all dem psychisch nicht in der Lage, irgendeine anstrengende Aufgabe zu bewältigen. Es ist die schwierigste Situation, in der ich je war“, beschreibt der Betroffene die Lage.
„Ich habe mein ganzes Leben auf Tankern gearbeitet. Gehen hieße, alles aufzugeben, was ich erreicht habe.“