Kerosinmangel, steigende Ticketpreise, gestrichene Flüge – Europas Luftfahrt steht vor einem heißen Sommer.
In Berlin schlägt der Luftverkehrsverband Alarm: Engpässe beim Flugtreibstoff könnten den Flugbetrieb in Europa schon bald ernsthaft gefährden. Ursache sind Störungen in den Lieferketten über die Straße von Hormus, durch die ein erheblicher Teil des aus dem Nahen Osten stammenden Kerosins transportiert wird. Die Straße von Hormus ist seit Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar durch die iranischen Revolutionsgarden weitgehend gesperrt. Hinzu kommen Schäden an zahlreichen Ölanlagen im Krisengebiet sowie an der dortigen Infrastruktur insgesamt.
Laut Experten sind am Persischen Golf mehr als 80 Anlagen betroffen. „Die Mineralölwirtschaft geht davon aus, dass noch für längere Zeit 20 Prozent der globalen Öl-Kapazität nicht verfügbar sind„, sagt Joachim Lang, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands BDL. Der Wettbewerb um die noch verfügbaren Mengen verschärft sich dadurch weiter.
Internationale Warnungen
Auch auf internationaler Ebene wächst die Besorgnis. IATA-Generaldirektor Willie Walsh warnte, dass wegen Kerosinmangels infolge des Iran-Kriegs in Europa ab Ende Mai Flüge ausfallen könnten. Neben der Erschließung alternativer Lieferwege seien klare behördliche Pläne für den Fall einer Rationierung notwendig – einschließlich Ausnahmeregelungen bei Start- und Landerechten.
Auch die Internationale Energieagentur sieht Europa in einer gefährdeten Position. „Mehrere europäische Länder könnten in den kommenden sechs Wochen einer beginnenden Knappheit von Kerosin gegenüberstehen“, heißt es in einer Einschätzung der Behörde. Entscheidend werde sein, wie viel der wegbrechenden Liefermengen ersetzt werden kann – bislang stammten rund 75 Prozent der europäischen Nettoimporte aus dem Mittleren Osten.
Mit Blick auf die bevorstehende Hochsaison wächst in der Branche die Nervosität. „Die Sommerreisesaison steht unmittelbar bevor, das Ökosystem Tourismus ist in der Hauptreise- und Geschäftszeit bei ein- und ausreisenden Touristen auf den Luftverkehr angewiesen“, sagt Joachim Lang. Berichten zufolge prüfen Airlines bereits einzelne Verbindungen und erarbeiten Krisenszenarien – konkrete Streichungen von Ferienflügen sind bisher jedoch nicht erfolgt.
Erste Einschnitte zeigen sich dennoch: Die Lufthansa zieht 27 Maschinen aus dem Verkehr. Neben streikbedingten Ausfällen trägt auch die Einstellung der Regionaltochter Cityline zu Lücken im Flugplan bei. Die Gewerkschaft Vereinigung Cockpit warnt vor erheblichen wirtschaftlichen Schäden.
Steigende Ticketpreise
Die Folgen sind bereits bei den Ticketpreisen spürbar. Verbindungen etwa nach Südostasien oder Australien haben sich merklich verteuert. Wifo-Chef Gabriel Felbermayr rechnet mit einer weiteren Entwicklung in diese Richtung: „Die Ticketpreise werden stark steigen, damit wird die Nachfrage nach Flugdienstleistungen zurückgehen.“
Das könnte in der Folge das Angebot verringern, da unrentable Verbindungen wegfallen dürften. Als Ersatz für ausbleibende Lieferungen dient derzeit vor allem Kerosin aus den USA – doch laut BDL lassen sich damit nur rund die Hälfte der Ausfälle ausgleichen. Knappe Vorräte und anhaltend hohe Preise über den Sommer hinaus könnten die Konsequenz sein.
Dass sich eine solche Entwicklung abzeichnen würde, war in Asien bereits früher erkennbar: Dort konnten Flughäfen schon vor Wochen keine zusätzlichen Flüge mehr abwickeln. Wie stark Europa letztlich betroffen sein wird, hängt laut BDL maßgeblich davon ab, wie sich der Iran-Krieg weiterentwickelt. Selbst ein rasches Kriegsende würde die Lage nur schrittweise entschärfen – die Kerosinpreise haben sich seit Beginn der Kampfhandlungen bereits mehr als verdoppelt.
Die EU-Kommission reagiert vorerst zurückhaltend. Eine Sprecherin erklärte, es gebe derzeit keine Hinweise auf systemische Engpässe mit massiven Flugausfällen. Die Situation werde aber genau verfolgt, und für den Fall einer weiteren Zuspitzung bereite man koordinierte Gegenmaßnahmen vor.
Die Branche ihrerseits fordert finanzielle Entlastungen, etwa bei Steuern und Abgaben. Darüber hinaus wird angestrebt, dass Flugausfälle oder Verspätungen aufgrund von Treibstoffmangel als „außergewöhnliche Umstände“ eingestuft werden – mit der Folge, dass Passagiere in solchen Fällen keinen Anspruch auf Entschädigung hätten.