Sechs Wochen Balkan, Baka und grenzenlose Freiheit – für viele Austro-Serben war das der Sommer ihrer Kindheit.
Sechs Wochen, die sich wie ein ganzes Leben anfühlten – das war für viele Kinder aus Österreichs größter Einwanderergemeinschaft der Sommer schlechthin. Die Ferien bedeuteten nicht Urlaub im klassischen Sinne, sondern eine Rückkehr in eine andere Welt: zu Baka und Deda, auf dem Balkan, wo andere Gesetze galten.
Andere Regeln
Dabei folgte der Ablauf meist einem vertrauten Muster. Die Eltern brachten die Kinder, blieben zwei, manchmal drei Wochen – und fuhren dann zurück nach Österreich. Die Kinder blieben. Allein mit den Großeltern, mit dem Garten, mit der Hitze. Und mit einer Freiheit, die es zu Hause in Wien so nicht gab. Schlafenszeiten? Verhandelbar. Bettruhe? Irgendwann. Und Baka fragte ohnehin schon beim Aufwachen: „Sta ces jesti?“ – ob man Hunger hatte oder nicht, war dabei eigentlich zweitrangig.
In den Dörfern und Kleinstädten des Balkans funktionierte das Leben nach einem anderen Rhythmus. Die Straße gehörte den Kindern, der Garten sowieso. Gespielt wurde mit Cousins und Cousinen, die aus verschiedenen Ländern angereist waren und über den Sommer zu so etwas wie Geschwistern wurden. Dass Oma bereits Bescheid wusste, wenn irgendwo Unsinn gemacht worden war, noch bevor man selbst wieder zu Hause ankam – das gehörte dazu. In einer Gemeinschaft, in der jeder jeden kannte, blieb wenig verborgen.
Abschied nach Norden
Wenn der Sommer zu Ende ging und das Auto in Richtung Norden fuhr, wurde es still. Keine großen Worte, keine Erklärungen – nur diese besondere Schwere, die sich einstellte, wenn der Alltag wieder begann. Was blieb, waren die Erinnerungen: an den Geruch aus Bakas Küche, an die langen Abende auf der Terrasse, an Gespräche, die bis weit in die Nacht gingen.