Keine Artikel gefunden
Versuche einen anderen Suchbegriff
Erdbebenkatastrophe

Regierung verschweigt es: Tausende Tote mehr als zugegeben

Regierung verschweigt es: Tausende Tote mehr als zugegeben
Foto: epa/RONALD PENA R
3 Min. Lesezeit |

Venezuelas Erdbebenkatastrophe ist schlimmer als zugegeben – hinter den offiziellen Zahlen verbirgt sich ein erschütterndes Ausmaß.

Die kommissarische Präsidentin Venezuelas, Delcy Rodriguez, hat die Zahl der Todesopfer nach den verheerenden Erdbeben der vergangenen Woche auf mindestens 2.595 beziffert – ein Anstieg von rund 300 gegenüber dem Vortag. Angaben zu Vermissten sowie eine abschließende Opferbilanz wurden bislang nicht veröffentlicht. Wie CNN berichtet, gehen erste Schätzungen der US-Geologiebehörde USGS mit hoher Wahrscheinlichkeit davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Todesopfer mehrere Zehntausend betragen könnte.

Am 24. Jänner wurde Venezuela von zwei schweren Erdbeben erschüttert, die im Abstand von nur 39 Sekunden aufeinander folgten und Magnituden von 7,2 beziehungsweise 7,5 erreichten. Besonders hart getroffen wurden der Küstenstaat La Guaira und die Hauptstadt Caracas. In der Folge registrierten die Behörden mehr als 600 Nachbeben, das stärkste davon mit einer Magnitude von 4,6.

Zweifel an Opferzahlen

Zweifel an der Verlässlichkeit der offiziellen Zahlen äußerte gegenüber CNN ein Gerichtsmediziner aus La Guaira, einem der am schwersten betroffenen Bundesstaaten. Die von der Regierung genannte Opferzahl entspreche „nicht einmal einem Drittel der tatsächlichen Zahl“, so der Pathologe. In der provisorischen Leichenhalle, in der er arbeitet, würden täglich rund 400 Leichen eingeliefert – die Kühlkapazitäten seien vollständig ausgeschöpft. Wegen des akuten Platzmangels müssen Leichensäcke im Freien gelagert werden, wo die Hitze den Verwesungsprozess erheblich beschleunigt.

„La Guaira ist unbeschreiblich. Es gibt so viele Fälle, so viele Familien. Am schwersten trifft es Menschen mit niedrigem Einkommen“, schilderte die Pathologin die Lage vor Ort. Da die Rettungsdienste mit dem Ausmaß der Katastrophe schlicht überfordert seien, würden viele Angehörige die Leichen ihrer Familienmitglieder selbst aus den Trümmern bergen und zu den Leichenhallen bringen. Besonders erschütternd: „Es kommen viele Kinder an, deren Leichen selbst von Familienangehörigen nicht mehr erkannt werden können.“ Die forensischen Dienste arbeiteten unter extremem psychischen Druck und seien an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen.

Identifizierung der Toten

Neben der dramatisch steigenden Opferzahl stellt auch die Identifizierung der Toten die Behörden vor enorme Herausforderungen. Viele Leichen befinden sich bereits in einem fortgeschrittenen Verwesungsstadium; die Identifizierung erfolgt daher häufig anhand von Tätowierungen, zahnärztlichen Befunden oder Kleidungsstücken. DNA-Analysen sind aufgrund der hohen Kosten in den meisten Fällen nicht verfügbar.

Auch der UN-Koordinator für Venezuela, Gianluca Rampolla del Tindaro, geht davon aus, dass die tatsächliche Opferzahl deutlich höher liegt als offiziell kommuniziert. Angesichts des Mangels an verlässlichen Regierungsinformationen greifen die Bürgerinnen und Bürger zunehmend auf inoffizielle Plattformen zurück, um Vermisste zu melden. Die Initiative „Venezuela Reporta“ schätzt die Zahl der noch Vermissten auf mehrere Zehntausend – eine unabhängige Bestätigung dieser Zahlen steht allerdings aus, wie CNN festhält.

Der Präsident der Nationalversammlung, Jorge Rodriguez, erklärte, dass sich zum Zeitpunkt der Erdbeben rund 30.000 Menschen in den am stärksten betroffenen Teilen La Guairas aufgehalten hätten, von denen etwa 20.000 evakuiert oder gerettet werden konnten. In der Bevölkerung wächst derweil die Kritik an der Regierung: Viele werfen ihr vor, zu langsam reagiert zu haben, und fordern den unverzüglichen Einsatz schwerer Bergungsmaschinen.

Unabhängiger Journalismus braucht Unterstützung

Guter Journalismus entsteht nicht nebenbei. Gründliche Recherche, sorgfältige Faktenprüfung und eine kritische Einordnung brauchen Zeit, Erfahrung und Ressourcen. Damit wir weiterhin unabhängig berichten können – frei von politischem oder wirtschaftlichem Einfluss – sind wir auf deine Unterstützung angewiesen.

Hilf mit, unabhängigen Journalismus zu sichern.
KO KOSMO-Redaktion
Teilen