Sechs Tage nach dem Doppelbeben in Venezuela kämpfen internationale Rettungsteams weiter um jedes Leben – mit überraschenden Wendungen.
Das Doppelbeben in Venezuela vom 24. Juni – zwei Stöße der Stärken 7,2 und 7,5 innerhalb von nur 39 Sekunden westlich der Hauptstadt Caracas – fordert weiter steigende Opferzahlen. Laut Jorge Rodriguez, dem Präsidenten der Nationalversammlung, sind inzwischen mindestens 1.943 Menschen ums Leben gekommen. Mehr als 10.500 wurden verletzt, und nach Angaben der Vereinten Nationen werden noch immer Tausende vermisst.
855 Gebäude wurden vollständig zerstört oder schwer beschädigt. Dutzende Nachbeben folgten dem Hauptereignis. Mehr als 6.400 Menschen konnten von Suchmannschaften lebend gerettet werden. Die tatsächliche Zahl der Überlebenden dürfte jedoch weit höher liegen: Rodriguez schätzte sie auf rund 20.000, wenn man jene einbeziehe, die unter Trümmern begraben waren und „entweder aus eigener Kraft oder mit der Hilfe von Freunden oder der Familie herauskommen konnten“.
Nach Angaben von UNICEF und anderen Hilfsorganisationen benötigen 1,8 Millionen Menschen humanitäre Hilfe, darunter 680.000 Kinder.
Rettung unter Trümmern
Inmitten der Zerstörung gibt es dennoch Momente der Hoffnung. Sechs Tage nach dem Doppelbeben bargen jordanische Rettungskräfte ein dreijähriges Kind lebend aus den Trümmern. Der Junge erhielt vor Ort Erste Hilfe und wurde anschließend in ein Krankenhaus gebracht, wie der jordanische Zivilschutz am Dienstag mitteilte.
In Venezuela, a three-year-old child was pulled alive from the rubble after six days.
The child named Kleiber Moran was rescued from the rubble in La Guaira state, one of the hardest-hit areas. The boy was rushed to the hospital.pic.twitter.com/wnQ6U0hCBv
— Visegrád 24 (@visegrad24) July 1, 2026
In derselben Nacht gelang es salvadorianischen Einsatzkräften, in der Küstenstadt Maiquetía einen 44-Jährigen unter den Überresten eines eingestürzten Einkaufszentrums ausfindig zu machen. Während die Bergungsarbeiten liefen, wurde der Mann über einen Schlauch mit Wasser versorgt.
Auch aus Deutschland sind Helfer vor Ort. Mareike Harms vom Technischen Hilfswerk berichtet von bemerkenswertem Zusammenhalt in der betroffenen Bevölkerung. „Wir erleben vor Ort viel Solidarität“, sagte Harms dem Evangelischen Pressedienst: „Viele Leute aus anderen Regionen und Betroffene kommen mit Hilfsgütern und suchen selbst nach Überlebenden.“ Das Ausmaß der Zerstörung sei enorm. „In La Guaira, wo wir eingesetzt sind, finden wir viele eingestürzte Häuser.“ Die ehrenamtliche THW-Helferin war bereits am Freitagabend mit einer Sucheinheit eingetroffen und sucht seither mit ihrem Team in den Trümmern nach Überlebenden.
US-Militär präsent
Auch das US-Militär ist mit einem erheblichen Kontingent in der Katastrophenregion präsent. Mehr als 900 amerikanische Einsatzkräfte befänden sich derzeit vor Ort, erklärte General Francis Donovan, Befehlshaber des US-Südkommandos, gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Weitere 800 Soldaten stünden auf Stützpunkten in Puerto Rico und auf Curaçao in Bereitschaft.
Die US-Streitkräfte hätten sich an Such- und Rettungsmaßnahmen beteiligt, den Flughafenbetrieb mitwiederhergestellt sowie Luft- und Seetransporte für humanitäre Güter organisiert. Über die Dauer des Einsatzes wollte Donovan keine Aussage treffen, schloss jedoch einen dauerhaften Verbleib aus. „Es ist nicht die Rede davon, zu bleiben“, sagte er. „Wir gehen, wenn wir fertig sind.“
Der Einsatz markiert eine bemerkenswerte Wende in den Beziehungen zwischen beiden Ländern – noch am 3. Jänner hatte das US-Militär eine Razzia mit dem Ziel durchgeführt, den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro festzunehmen und für einen Prozess wegen Drogenhandels nach New York zu überstellen.