Messi gegen England – ein Duell, das Jahrzehnte auf sich warten ließ. Doch der Schatten über diesem Halbfinale ist größer als das Spiel selbst.
Das Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 zwischen England und Argentinien wirft längst mehr Fragen auf, als ein einziges Spiel beantworten kann. Anpfiff im Atlanta Stadium ist am Mittwoch, dem 15. Juli, um 21 Uhr österreichischer Zeit. Der Sieger bekommt es am Sonntag im Finale mit Spanien zu tun. Doch das eigentliche Thema dieser Tage ist ein anderes: Wird Lionel Messi von der FIFA zum Weltmeistertitel getragen?
Im Netz kursieren seit Wochen Theorien, die sich um eine angeblich bevorzugte Turnierauslosung für Argentinien drehen, um Schiedsrichterentscheidungen, die dem Titelverteidiger zugutegekommen sein sollen, und um einen FIFA-Präsidenten, der seine Neutralität zumindest verbal nicht immer wahren konnte. Belastbare Beweise für eine gezielte Manipulation des Turniers existieren bis heute nicht.
Infantinos Nähe zu Messi
Für Gesprächsstoff sorgte vor allem ein Video, das nach Argentiniens 3:2-Sieg nach Verlängerung gegen Kap Verde die Runde machte. Darin ist FIFA-Präsident Gianni Infantino mit den Worten zu hören: „Heute Abend habe ich mit Argentinien gelitten – aber ich bin neutral.“ Dass ausgerechnet der mächtigste Mann des Weltfußballs in einer solchen Situation Partei zu ergreifen schien, löste heftige Reaktionen aus. Einige Medien wiesen darauf hin, dass die Aussage im Gespräch mit einem argentinischen Journalisten gefallen sei und der genaue Kontext unterschiedlich interpretiert werden könne. Dennoch bleibt: Für einen FIFA-Präsidenten war der Satz schlicht unklug. Wer an der Spitze des Weltverbandes steht, darf keinen Zweifel daran lassen, dass er keine Nation bevorzugt.
Hinzu kommt Infantinos auffallend enthusiastisches Lob für Messi in der Öffentlichkeit. Nach dessen Hattrick gegen Algerien gratulierte der FIFA-Chef ausführlich. Weitere Beiträge folgten, als Messi zunächst Miroslav Kloses bisherigen WM-Torrekord einstellte und ihn schließlich überbot. Vor dem Halbfinale steht der 39-Jährige bei acht Turniertoren und insgesamt 21 WM-Treffern – er führt die historische Torjägerliste der Weltmeisterschaft damit allein an. Dass die FIFA solche Meilensteine vermarktet, ist per se nicht ungewöhnlich. Messi ist der letzte verbliebene Superstar dieses Turniers, er füllt Stadien, treibt Einschaltquoten in die Höhe und erzeugt weltweit mediale Aufmerksamkeit. Ein Finale mit ihm wäre für den Weltverband kommerziell ein Glücksfall – doch ein wirtschaftliches Interesse allein ist kein Beweis für Schiebung.
Streit um Schiedsrichter
Den vorläufigen Höhepunkt der Debatte markierte Argentiniens Achtelfinalpartie gegen Ägypten. Die Nordafrikaner beanstandeten ein aberkanntes Tor sowie eine nicht geahndete Szene gegen Mohamed Salah, unmittelbar bevor Argentinien den Siegtreffer erzielte. Ägyptens Trainer Hossam Hassan ließ durchblicken, er halte es für möglich, dass der Schiedsrichter unter Druck gestanden habe, Argentinien zu begünstigen. FIFA-Schiedsrichterchef Pierluigi Collina wies diese Vorwürfe entschieden zurück: Der VAR habe beim aberkannten Tor zuvor ein Foul erkannt, der Kontakt gegen Salah sei als regulärer Zweikampf bewertet worden. Collina unterstrich außerdem, dass die Unparteiischen keinerlei Weisungen von Infantino oder anderen Funktionären erhielten, und warnte: Unbelegte Anschuldigungen könnten Schiedsrichter und ihre Familien in Gefahr bringen.
Heute Abend steht der US-amerikanische Referee Ismail Elfath in der Verantwortung. Er war bereits bei der WM 2022 in Katar dabei und fungierte beim Finale zwischen Argentinien und Frankreich als vierter Offizieller. Im laufenden Turnier leitet er mit diesem Halbfinale bereits sein viertes Spiel. Die Ausgangslage für ihn und den VAR ist denkbar heikel: Jede knappe Entscheidung zugunsten Argentiniens wird von Kritikern als weiteres Indiz für eine angebliche Bevorzugung Messis gewertet werden. Umgekehrt gilt dasselbe, sollte eine strittige Szene für England ausgehen – dann werden es die argentinischen Fans sein, die lautstark protestieren.
Sportlich betrachtet ist dieses Duell ohnehin von besonderer Bedeutung. Obwohl Messi seit mehr als zwei Jahrzehnten das argentinische Trikot trägt, hat er noch nie gegen England gespielt. Der argentinische Verband bezeichnete die Begegnung als jenes Spiel, das „das Schicksal Messi noch schuldete“. England wiederum kämpft um den ersten WM-Finaleinzug seit dem Titelgewinn von 1966.
Argentinien könnte als erste Mannschaft seit Brasilien 1962 den Weltmeistertitel erfolgreich verteidigen.