Jahrzehnte nach dem Bosnien-Krieg holt die Vergangenheit einen österreichischen Staatsbürger ein – mit juristischen Konsequenzen.
Seit Ende April laufen in Österreich Ermittlungen gegen einen österreichischen Staatsbürger, dem vorgeworfen wird, während des Bosnien-Kriegs nach Sarajevo gereist zu sein und dort als Scharfschütze auf Zivilisten geschossen zu haben. Das österreichische Justizministerium bestätigte dies am Montag. Grundlage war eine parlamentarische Anfrage von Alma Zadic, der ehemaligen Justizministerin und heutigen Justizsprecherin der Grünen.
In der Antwort des Ministeriums heißt es wörtlich: „Bei einer österreichischen Staatsanwaltschaft ist seit 25. April 2026 ein Ermittlungsverfahren gegen einen österreichischen Staatsbürger sowie einen weiteren bislang unbekannten Täter im Zusammenhang mit einer möglichen Beteiligung an sogenannten ‚Sniper-Touren‘ in Sarajevo während des Bosnien-Krieges anhängig.“
Parallele Verfahren
Zum konkreten Stand der Ermittlungen macht das Ministerium keine Angaben. Festzuhalten ist jedoch, dass es sich nicht um bloße Vorermittlungen handelt, sondern bereits um ein förmliches staatsanwaltschaftliches Verfahren – was auf valide Verdachtsmomente gegen den Beschuldigten schließen lässt. Welche Straftatbestände den Ermittlungen konkret zugrunde liegen, ist nicht bekannt. Das österreichische Strafgesetzbuch stellt in Paragraf 320 die „Unterstützung von Parteien bewaffneter Konflikte“ unter Strafe – darunter fallen die Anwerbung, Organisation und aktive Teilnahme an fremden Kriegshandlungen.
Parallel dazu ist bei der Staatsanwaltschaft Mailand bereits ein Verfahren wegen möglicher Scharfschützenverbrechen anhängig. Ein Rechtshilfeersuchen an Österreich hat die italienische Behörde bislang nicht gestellt, die Verfahren werden demnach unabhängig voneinander geführt. Im Fokus der Mailänder Ermittlungen stehen vier italienische Staatsbürger, denen vorgeworfen wird, während der Belagerung von Sarajevo zwischen 1992 und 1995 auf Zivilisten geschossen zu haben.
Ins Rollen gebracht hatte die öffentliche Debatte der italienische Autor Ezio Gavazzeni, der das Thema ausländischer Scharfschützen im Vorjahr wieder aufgegriffen hatte. Gavazzeni behauptete, Ausländer hätten dafür bezahlt, auf Menschen in Sarajevo schießen zu dürfen – Belege dafür legte er jedoch keine vor. Sein Buch stützt sich überwiegend auf Gerüchte.
Was historisch gesichert ist: Die Armee der Republika Srpska belagerte und beschoss die bosnische Hauptstadt dreieinhalb Jahre lang. Scharfschützen der Republika Srpska zielten gezielt auf Zivilisten, um die Stadtbevölkerung zu terrorisieren. Die Opfer hatten keine Möglichkeit zu wissen, wer auf sie schoss.
Verdächtige in Italien
Das österreichische Justizministerium hält ausdrücklich fest, dass die hiesigen Ermittlungen nicht auf den Recherchen Gavazzenis beruhen. Ob andere österreichische Behörden oder Vertretungen über Informationen von ihm verfügen, sei ebenfalls nicht bekannt. Es dürfte sich also um einen anderen Hinweis handeln, der in Österreich zu dem Verfahren geführt hat.
In Italien wurde im Februar ein 80-jähriger ehemaliger Lkw-Fahrer befragt, den die italienische Presse als jagdbegeisterten Mann mit Faschismus-Nostalgie beschrieb. Er soll öffentlich damit geprahlt haben, auf „Menschenjagd“ gegangen zu sein. Der Verdächtige räumte ein, während des Kriegs in Bosnien und Herzegowina gewesen zu sein, jedoch „beruflich, nicht zur Jagd“, und fügte hinzu, seine öffentlichen Äußerungen seien übertrieben gewesen.
Im April vernahm die Mailänder Staatsanwaltschaft einen zweiten Verdächtigen. Der 65-jährige Lucio C. hatte in Interviews angegeben, als Freiwilliger an der Seite serbischer Milizen gekämpft zu haben, und äußerte sich folgendermaßen: „Ich wollte dorthin, weil ich schon immer Sympathien für die extreme Rechte hatte: Ich bin auf den Balkan gefahren, weil ich Muslime hasse.“ Seine Rechtsanwältin Licia Sardo bezeichnete diese Aussagen als „Prahlereien“ und verwies auf eine Sehbehinderung ihres Mandanten, die ihm den Abschluss des Wehrdienstes verwehrt habe.
Während der Belagerung von Sarajevo kamen mehr als 11.000 Menschen ums Leben, über 50.000 wurden verletzt. Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien stufte sie als Kriegsverbrechen ein und verurteilte mehrere führende Militärs der Armee der Republika Srpska, unter anderem wegen des Scharfschützen-Terrors. Hunderte Söldner aus ganz Europa – darunter auch aus Österreich – nahmen am Krieg gegen Bosnien und Herzegowina sowie am Krieg gegen Kroatien teil, darunter Personen mit familiären Bindungen in die Region, Rechtsextremisten und jene, die als bloße Schaulustige kamen.