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Wannabe-Tito: Vučićs durchschaubarer Plan

(FOTOS: zVg.)

Hinter der vermeintlichen Großzügigkeit Belgrads und des serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić hinsichtlich der Corona-Impfung für alle steckt eine nicht so selbstlose Intention.

Musterschüler – dieses Wort wurde in den vergangenen Wochen und Monaten in hunderten Medienberichten in Bezug auf Serbien verwendet. „Serbien impft nach Großbritannien im europäischen Vergleich am schnellsten“ – diese Schlagzeile machte nicht nur innerhalb der EU die Runde. Die serbische Premierministerin Ana Brnabić gab diesbezüglich zahlreiche Interviews und betonte mehrfach, dass international unabhängige Verhandlungen das Erfolgsrezept der Impfstrategie seien.

Gleich vier Impfstoffe wurden von der zuständigen Gesundheitsbehörde zugelassen: AstraZeneca, Pfizer/BioNTech, Sputnik V und Sinopharm. Im Interview für „Focus“ erklärte Brnabić, dass es Serbien primär darum ging, „Leben zu retten“ und „nicht um Geopolitik“. (KOSMO berichtete) Die hohe Durchimpfungsrate von rund 10 Prozent und das relativ überschaubare Infektionsgeschehen führten dazu, dass die serbische Regierung und der Corona-Krisenstab im europäischen Vergleich relativ frühe Öffnungsschritte setzten. Auch wenn sich das Land vor einigen Wochen in einem Lockdown befand, so wurden mit Montag erneute Öffnungsschritte gesetzt. (KOSMO berichtete)

Impfung zuerst nur für Orthodoxe und dann für alle?
Vučićs nächster Coup auf dem Weg zum „Retter vor dem Coronavirus“ war die Impfung für alle. So pilgerten zigtausende ausländische Staatsbürger in die serbische Hauptstadt, um eine der begehrten Impfungen zu ergattern. Innerhalb von 72 Stunden erhielten so 22.000 Ausländer im „Impf-Mekka Serbien“ den ersten Stich. (KOSMO berichtete) Damit avancierte der Präsident Serbiens zum alleinigen Verfüger über Impfungen in Südosteuropa und über dessen Grenzen hinaus. Und spätestens seit der Nachricht, dass sich albanische Flugbegleiterinnen in Belgrad impfen ließen, nahm die Selbstinszenierung Vučićs Tito-esque Züge an.

Kritik an diesen „selbstlosen“ Impf-Gesten und großherzigen Aktionen Belgrads gab es bereits von Anfang an. Viele orteten darin hegemonial anmutende Unternehmungen unter der Führung Vučićs. Zu Beginn wurde Belgrad oftmals dafür beschuldigt, die Impfstoffe aus politischen Gründen an andere Nachbarn zu verschenken: man denke an Impfungen für Serben im Kosovo, die rund 8.000 Pfizer-Dosen für Nordmazedonien und Impfstoffgeschenke an die bosnisch-herzegowinische Entität Republika Srpska, die mehrheitlich von orthodoxen bosnischen Serben bewohnt wird.

„Keine Geopolitik“
Wie auch seine Premierministerin Ana Brnabić beschwor der serbische Präsident mehrfach, dass es Serbien primär darum ginge, „Leben zu retten“ und nicht darum „Geopolitik zu betreiben“. Erst vor wenigen Tagen gab Vučić ein Interview für CNN. Im Interview für das amerikanische Medium brüstete sich das Staatsoberhaupt damit, dass man in Serbien amerikanische, europäische aber auch russische und chinesische Vakzine verimpft und sich die Bürger diese auch aussuchen können.

„Das ist nicht nur für Serbien, sondern für die gesamte Region gut. Viele Personen kommen nach Serbien und das nicht nur vom Westbalkan, sondern auch von viel weiter“, fügte er hinzu.

Um den ganzen Ruhm um seine Person perfekt zu machen, richtete Vučić auch ein mediales Spektakel aus, als er gestern seine erste Impfung bekam. Interessanterweise erhielt er die erste Dosis nicht in der Hauptstadt, sondern in einer kleinen Stadt im Osten des Landes. Zudem ließ er sich nicht den russischen Impfstoff Sputnik V, sondern das chinesische Vakzin der Firma Sinopharm verabreichen. Zu Feier des Tages waren auch chinesische Journalisten vor Ort.

Tito mit einem Schuss serbischer Hegemonie
Alles in allem liest sich der serbische Kampf gegen das Coronavirus fast wie eine Erfolgsgeschichte, zumindest wenn man den relativ oberflächlichen Berichten in internationalen Medien Glauben schenken darf.

Hinter der Fassade sieht das Ganze schon etwas anders aus. Dennoch muss man Belgrad und vor allem Aleksandar Vučić eines lassen. Er ist ein König der Selbstinszenierung. Nichts Neues, aber genau diese Eigenschaft und Bestrebungen des serbischen Präsidenten bekommen während der Pandemie eine ganz neue Dynamik.

Die Vorreiterstellung Serbiens im Kampf gegen das Coronavirus ermöglicht es Belgrad unter der semi-autokraten Führung Vučićs auch in anderen Bereichen großen Einfluss zu nehmen, die nicht primär mit der Pandemie zusammenhängen. Das Image des serbischen Präsidenten profitierte zweifelslos von Corona. Bis dato galt er als Erbe der großen serbischen Nationalisten, die für die Jugoslawienkrieg verantwortlich gemacht werden. Nun präsentiert er sich der Welt als „Retter des Balkans“ und sogar über dessen Grenzen hinaus.

Seine politische Positionierung und Selbstinszenierung hat etwas vom ehemaligen Staatsoberhaupt Jugoslawiens, Josip Broz Tito. Gravierend unterscheidet die beiden Staatsmänner jedoch eines: während Tito „Einigkeit und Brüderlichkeit“ predigte, lässt Vučićs Vergangenheit es einfach nicht zu, zu glauben, dass er „geläutert“ wurde und wirklich „nur Leben retten“ möchte.

Sollte sich wirklich herausstellen, dass hinter den vermeintlich großzügigen Aktionen des serbischen Präsidenten wirklich serbisch-hegemoniale Absichten – seien sie politisch, wirtschaftlich oder in welcher Form auch immer – stehen, dann wäre das fatal. War es doch vor allem diese Vormachtstellung Serbiens die das sogenannte „Pulverfass Balkan“ in der Vergangenheit zum Explodieren brachte. Welches Erbe Vučić wirklich hinterlassen wird, bleibt abzuwarten. Jenes des „selbstlosen Retters und Vereinigers des Balkans“ wird es wohl nicht sein…